Zahlen, bitte!

Als Journalist wird man gerne mit Zahlen versorgt. Man streut sie wie Zückerchen in Beiträge ein. Doch stimmen sie wirklich?

Besonders vielen Zahlen bin beim Thema Elektroschrott begegnet. Wie viele kaputte elektrische und elektronische Geräte fallen jährlich weltweit an? Die UNO-Umweltschutzbehörde UNEP schätzt 40-50 Millionen Tonnen. Bei der NZZ hingegen weiss man von 500 Millionen Tonnen Schrott. Ein Tippfehler? Die UNEP hat das Problem wohl kaum massiv unterschätzt.

Wieviel Elektroschrott kommt nach Ghana?

Elektroschrott wird in Ghana unter teilweise nicht menschenwürdigen Umständen wiederverwertet. Die Zeitschrift Africawatch geht von 15 Prozent des weltweiten Elektroschrotts aus, das wären mindestens 6 Millionen Tonnen jährlich! Im Buch «Permanent Error» des Fotografen Pieter Hugo schreibt Jim Puckett von einer NGO gegen Abfallexport von 78’000 Tonnen jährlich am grössten Hafen Ghanas. Das deutsche Oeko-Institut kommt in der wohl ausführlichsten Untersuchung auf 22’000 Tonnen defekte Ware pro Jahr – doch auch das ist eine Schätzung.

Wie hoch ist der Anteil defekter Ware an den importierten Gebrauchtwaren?

Das Oeko-Institut schreibt von 149’000 Tonnen importierter Gebrauchtware jährlich. Das sind funktionierende und defekte Elektrogeräte. Die Ghana Shippers Autority hat 2010 total 31’000 Tonnen Gebrauchtwaren-Importe registriert. Defekte Geräte gibt in offiziellen Statistiken gar nicht, deren Import ist nämlich verboten.

Wie unsere Recherchen vor Ort bestätigen, sind aber 90 Prozent dieser „Gebrauchtware“ bei ihrer Ankunft nicht funktionstüchtig.

Das schreibt die Entwicklungsorganisation Agentur Südwind aus Österreich. Die «Recherchen vor Ort» entpuppen sich auf Nachfrage aber bloss als Angaben eines Journalisten und Umweltaktivisten in Ghana.

Die zuverlässige ghanaische Zeitung «Business & Financial Times»  schreibt, dass 75 Prozent der Importe defekt sind. Als Quelle dient die britische NGO «Environmental Investigation Agency». Die gibt als Quelle die Zeitung «The Guardian» an, die schreibt ohne Quellenangabe:

More than half a million computers arrive in Lagos every month but only about one in four works.

Das Oeko-Institut schätzt den Anteil defekter Ware auf 15 Prozent. Der Untersuchungsbericht liest sich detailliert und glaubwürdig.

Dass die Zahlen stark divergieren erstaunt umso weniger, wenn man die Informationspolitik der Behörden kennt. Der ghanaische Zoll reagiert auf Anfragen nicht. Der Verantwortliche bei Ghanas Umweltschutzagentur druckst beim vorangemeldeten Besuch des Journalisten herum. Er habe die Zahlen zwar im Kopf, aber erst müsse er das Dokument konsultieren, das er zur Zeit nicht zur Hand habe.

Eigene Recherchen bei den Händlern vor Ort ergeben ebenfalls keine Klarheit. Doch immerhin bestätigt sich meine Vermutung, dass die meisten Zahlen zu hoch gegriffen sind. Ich bin überzeugt, die Mehrheit der gebrauchten Elektrogeräte, welche nach Ghana kommen, funktioniert noch. Jedenfalls mein DVD-Player.

Das alles macht die Angelegenheit Elektroschrott nicht weniger schlimm – aber es tönt etwas weniger dramatisch. Und das will weder die NGO noch die Redaktion. Als ich meinen Bericht zum Thema abgegeben habe, fragt prompt die Redaktorin am Telefon, ob man aus dem Satz «Ein Teil der Ware ist defekt» nicht «Ein grosser Teil der Ware ist defekt» machen könne.

Nein.

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