Die Seele an Ringier verkauft

Ringier ist in Afrika angekommen. In Ghana wurde vor kurzem eine erste Website aufgeschaltet. Ein Besuch beim Westafrika-Chef.

Büro von Ringier Ghana

Die Wand hinter dem Empfangstresen erstrahlt im Ringier-Magenta. Eine Empfangsdame ist noch nicht eingestellt, der Chef persönlich empfängt den Besucher: «Welcome to Ringier Ghana!» Rodney Quarcoo (32) hat vor einem halben Jahr begonnen, den Ableger des Schweizer Medienkonzerns in Ghana aufzubauen. «General Manager Westafrika» – seine Visitenkarte weist den Weg für die kommenden Jahre.

Im kürzlich bezogenen Büro von Ringier Ghana sitzen sieben junge Ghanaer und starren konzentriert in ihre Laptops. Die Vorhänge sind gezogen, die Klimaanlage surrt leise. Das Grossraumbüro ist erst spartanisch eingerichtet, es hat noch viel Platz. Rodney Quarcoo sitzt abgetrennt von seinen Mitarbeitern und zeigt am Bildschirm die erste Website Ringiers, die vor kurzem Online gegangen ist: Jaasu.com.gh. Die Kleinanzeigen-Seite sieht simpel aus, auch eine Version für Smartphones existiert bereits.

«Wir beheben noch die letzten kleinen Fehler», erzählt Quarcoo. Er glaubt, dass in Ghana die Nachfrage nach einer gut gemachten Inserate-Website vorhanden ist. Die Konkurrenz ist auch erst gestartet, ein Anbieter aus Polen und Google. Etwas nervös ist der Ringier-Mann trotzdem: «Noch kennt niemand die Seite. Aber ich habe grosses Vertrauen, dass es klappen wird. Wenn die Plattform wirklich sauber läuft, und wir auf Facebook und Twitter so richtig loslegen, dann werden die Leute schon kommen.» Derzeit sind Studenten unterwegs, um Händler und Leute auf der Strasse zu überzeugen, ein Inserat zu schalten.

Jaasu ist eine Kopie der Schwesterseite von Ringier Kenia, konnte also relativ günstig implementiert werden. In Kenia ist Ringier schon einen Schritt weiter Seit einem halben Jahr existiert etwa eine Gutschein-Seite, welche jeweils für eine bestimmte Zeit einen Artikel vergünstigt anbietet (ähnlich Ringiers Deindeal.ch). Das soll es in Ghana auch bald geben. «Mein Lieblingsprojekt», so Quarcoo, «weil es trotz des grossen Aufwandes das spannendste ist.» Aufwändig ist die Suche nach Partnern für die Schnäppchen-Plattform Tisu.com.gh, die ihre Produkte in grossen Mengen günstiger verkaufen wollen.

Für Ringier Ghana geht es derzeit vor allem darum, Geschäftsmodelle auszuprobieren und aufzubauen. Rodney Quarcoo bestätigt: «In der ersten Phase geht’s noch nicht darum, viel Geld zu machen, sondern Traffic auf unsere Seiten zu bringen.» Und was ist mit Journalismus, dem Kerngeschäft eines Medienhauses? Der soll später kommen. In Planung ist eine Website, die sich mit Ghanas lokalem Sportgeschehen befasst. «Das kommt auf anderen Seiten zu kurz», glaubt Quarcoo. Ideen für herkömmliche Medien gäbe es ebenfalls, doch der Fokus liege derzeit auf Online. Das digitale Geschäft ist weniger kapitalintensiv, es soll zuerst ins Rollen kommen. Wenn damit Gewinn gemacht wird, will man sich den traditionellen Medienbereich genauer anschauen.

Ringier fängt in Westafrika klein an: Im Februar startete der Ableger in Ghana mit einem Mitarbeiter, heute sind es acht. Doch Ringier befindet sich auf Expansionskurs. Noch in diesem Jahr sollen in Senegal und Kamerun  Büros eingerichtet werden. In Nigeria hat sich Ringier in eine andere Firma eingekauft. «Jetzt ist die richtige Zeit, um loszulegen», gibt sich Rodney Quarcoo überzeugt. Wenn dann der Markt zu florieren beginne, habe man bereits einen Vorsprung auf die Konkurrenz. Das schnelle Vorgehen verdanke Ringier dem ehemaligen Kadermann Thomas Trüb, der die Afrika-Expansion verantwortet, so Quarcoo. Augenzwinkernd fügt er an: «Er ist ein kleiner Julius Cäsar, der auf der Karte überall sein Fähnlein einstecken will.»

Rodney Quarcoo, General Manager Ringier West Africa

Afrikas digitale Infrastruktur ist noch immer im Anfangsstadium. Selbst im aufstrebenden Ghana ist das Internet alles andere als stabil. Das spürt auch Rodney Quarcoo. «Manchmal erwache ich am Morgen und habe kein Netz. Oder ich komme ins Büro, und es funktioniert nicht.»

Der Grossteil der Bevölkerung ist zudem weiterhin nicht mit dem Internet verbunden, besonders auf dem Land fehlt die Infrastruktur. Die Alphabetisierungsrate in Ghana liegt bei 70 Prozent. Die meisten Mobiltelefone haben noch keinen Internet-Zugang.
In der Stadt hingegen sieht es anders aus, hier sind die jungen Ghanaerinnen und Ghanaer auf Facebook aktiv und hängen ständig am Smartphone. Deshalb ist Quarcoo überzeugt: «Meine Kinder werden dereinst ihre Medien online konsumieren.»

Auch die Suche nach guten Leuten im Informatikbereich ist nicht einfach. Die meisten Mitarbeiter von Ringier Ghana sind junge Technikfreaks. So etwa Edem, der eine Software für Internet-Cafes entwickelt hat. «Man muss sich vieles selber beibringen, leider ist unser Bildungssystem nicht so gestaltet, dass man nach dem Studium gleich mit Arbeiten beginnen kann.» Sein Kollege Felix erledigt seine Ausbildung neben der Arbeit. «So kann ich Wissen und Erfahrung gleichzeitig gewinnen.»

Die Zusammenarbeit der Tochterfirma in Ghana mit dem Stammsitz von Ringier in Zürich erfolgt vor allem digital. Einmal wöchentlich schickt Quarcoo einen Report in die Schweiz, dann wird bei Bedarf über Skype eine Konferenz abgehalten. Wie für Ringier ist auch für Rodney Quarcoo die Arbeit in Westafrika ein Lernprozess. Zuvor arbeitete er als Fotograf. Er sei immer an Webtechnologie interessiert gewesen – und jetzt stecke er mittendrin. Zeit zum Fotografieren bleibt nur wenig. «Ich habe meine Seele an Ringier verkauft.»

Diesen Artikel habe ich für das Online-Magazin medienwoche.ch geschrieben, es ist am 25. August 2011 erschienen. Siehe dazu auch das interessante Interview mit Ringer-Expansionsmotor Thomas Trüb.

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