In bed with the NGO

Oder: Wie man effizient eine Reportage aus Afrika macht.

Ich sitze in einer weissen Kapsel, welche die Realität nur teilweise durchlässt. Bodenunebenheiten werden abgefedert, Strassenlärm und Musik dringt kaum durch, die Hitze und lästige Leute bleiben draussen. Die Kapsel ist ein Offroader eines Hilfswerks, damit sind wir in Abidjans Quartier Abobo unterwegs, auf der Suche nach armen Kindern.

Für einmal habe ich das getan, was ich an Journalismus in Afrika gerne kritisiere. Ich liess mich in eine NGO/Nichtregierungsorganisation embedden. Das tun besonders Reisekorrespondenten gerne. Man soll ja in den wenigen Tagen in Afrika möglichst viele Beiträge machen. Wo aber finden sich zuverlässige Leute, gute Autos und sogar interessante Themen? Genau, bei NGOs!

Nachdem ich mich (typisch Journalist) von einem BBC-Beitrag über im Krieg getrennte Familien «inspirieren liess», meldete ich mich beim Hilfswerk. Ich wollte eine ähnliche Story machen. Nach einigen Telefonaten und einem Mail an den Country-Direktor wurde mir zugesagt. Die Mitarbeiter der NGO haben nach der Krise in der Elfenbeinküste versucht, Kinder wieder mit ihren Familien zusammenzuführen. Das hat in vielen Fällen geklappt, manchmal nicht, und darüber wollte ich berichten.

Im Büro der NGO musste ich zuerst dem PR-Mann meine Fragen vorlegen. Er wies mich darauf hin, dass man die Kinder sorgfältig angehen müsse. Erst Lieblingsessen und ähnliches zu erfragen, bevor man auf die traumatischen Erlebnisse zu sprechen komme. Ich versprach ihm, dies zu tun.

In der weissen Kapsel sitzen neben dem Fahrer eine Sicherheitsfrau, der PR-Mann, die Zuständige fürs Programm und noch weitere Menschen der NGO. Die Sicherheitsfrau sorgt dafür, dass die richtigen Formulare unterschrieben werden und funkt bei der Abfahrt die Zahl der Passagiere (sechs) an die Zentrale.

Im Quartier Abobo laden wir noch eine freiwillige Mitarbeiterin ein, welche uns zur Mutter des Mädchens führt. Das Gespräch mit der Mutter dauert zehn Minuten, danach weist mich der Grossvater darauf hin, dass die Familie finanzielle Hilfe nötig habe. Worauf ein Hilfswerkmitarbeiter dem Grossvater erklärt, man habe bereits geholfen und könne dies nicht immer tun. Rasch noch eine Aufnahme von spielenden Kindern, dann gehts weiter.

Minuten später stiegen wir wieder aus der kühlen Kapsel und besuchen die 17jährige Tochter im Friseursalon. Sie ist schüchtern, und gelegentlich überfordere ich sie mit meinen Fragen («Wieso willst du Coiffeuse werden?»). Im Salon wird im Moment nicht geschnitten, also keine Tonaufnahmen sondern weiter. Den acht Jahre alten Patrice (vor einem Jahr vom Vater ausgesetzt) holen wir aus dem Unterricht. Mitsamt der Lehrerin trabt er im Büro des Rektors an. Dort versuche ich verzweifelt, einen vollständigen Satz (nur einen!) aus ihm herauszuquetschen. Die sechs Erwachsenen um uns helfen mit Drohungen und Versprechen – keine Chance. Schliesslich gebe ich auf und frage Patrice, ob er mir sein Klassenzimmer zeigen will. Erfreut rennt er los, ich hinterher, er lacht zum ersten Mal. Beim Klassenzimmer angekommen, sind rasch auch die anderen Erwachsenen da, Patrice ist wieder still.

Schliesslich besuchen wir noch die Pflegemutter des Jungen. Während des Gesprächs sitzt plötzlich Patrice neben mir auf den Boden. Ich versuche nochmals, mit ihm in Kontakt zu treten. Was er denn am Nachmittag mache? «Je vais partir avec toi» («Ich werde mit dir gehen»), nuschelt er. Ich verstehe es nicht, erst beim Abhören der Aufnahme realisiere ich, was er mir mitgeteilt hat.

Schliesslich setze ich Patrice den Kopfhörer auf und zeige ihm, wie das Mikrofon funktioniert. Endlich spricht er zwei gerade Sätze, direkt ins Mikro! Mehr brauche ich nicht. Ich deute den Hilfsmenschen an, dass wir gehen können. Wir verabschieden uns freundlich und setzen uns in die weisse Kapsel.

Mit relativ wenig Aufwand bin ich so an drei Akteure für meinen Beitrag gekommen, an Töne aus verschiedenen Orten des Quartiers. Die Aufnahmen dauerten zwei bis drei Stunden. Mit Vorbereitung und Montage waren es dann doch etwa 12 Stunden Arbeit, ein handelsüblicher Schicksals-Beitrag mit einer persönlichen Note, im Eilverfahren erstellt. Der Sender bezahlt mir dafür 300 Franken.

Als Gegenleistung habe ich (ungeschriebenes Gesetz) natürlich die NGO im Beitrag namentlich erwähnt.

Natürlich klappt auch mit einer NGO nicht immer alles reibungslos. So erhielt ich genaue Angaben zur Zahl der Kinder trotz mehrfacher Nachfrage erst mit acht Tagen Verspätung, da war ich leider schon in den Ferien. (Total hat das Hilfswerk 384 verlorene Kinder aufgespürt, 168 sind nun wieder mit der Familie zusammen. Insgesamt wurden nach der Krise 665 verlorene Kinder registriert.)

Dieser Beitrag wurde über die Festtage 2011 von DRS 4 News gesendet.

Symbolbild: Cayusa.

NACHTRAG 4.1.12: Übersetzung.

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13 Antworten auf In bed with the NGO

  1. Tim Krahnert sagt:

    Ich kriege Gänsehaut, wenn ich lese, wie kalt Sie bei der Zusammenstellung eines solchen Beitrags vorgehen. Und wie Sie auch noch so selbstgerecht darüber berichten können. Ich finde es gar nicht so verwerflich eine NGO zu benutzen, um schneller Kontakte zu den Betroffenen herzustellen, aber wie man diese Personen dann so abfertigen kann. Schlimm!

  2. Leo sagt:

    Für die Nicht-Französichsprechenden: Was heißt denn der Satz von Patrice auf deutsch?

  3. Sven sagt:

    Laut Google Übersetzer “Ich werde mit dir gehen”

  4. derÜbersetzer sagt:

    “Ich werde mit dir gehen”

  5. Samuel Burri sagt:

    @Tim Krahnert
    Ich verstehe nicht ganz, was an diesem Beitrag selbstgerecht sein soll. Ich wollte damit bloss die Journalisten-Realität hinter einem Beitrag abbilden.

    Und ja, man kann es eine Abfertigung nennen. Als Journalist dringe ich oft für kurze Zeit in die Privatsphäre von Menschen ein, um Informationen oder Emotionen abzuholen. Und irgendwann muss ich weiter. Das hält mich nicht davon ab, stets sehr freundlich und dankbar gegenüber Auskunftspersonen zu sein. Dabei fühle ich mich übrigens auch nicht immer wohl.

  6. @1, Tim: Was bitte soll er denn sonst tun?

  7. Tim Krahnert sagt:

    Ist ja OK, kann man ja so machen. Es klingt aber eben sehr emotionslos. Vielleicht muss man das ja auch sein. Ich bin kein Journalist und habe mich auf diesem Feld auch nicht betätigt (also Recherche im journalistischen Sinne).

    Aber hier klingt es eben sehr extrem: ich will einen Beitrag machen, brauche 3 oder 4 Statements der Betroffenen, damit ich was zusammen schneiden kann und mein Geld bekomme. Das Thema an sich interessiert mich nur am Rande (weil ich einen BBC-Beitrag gesehen habe und fand, dass sich das Thema gut macht), die Schicksale in deren Privatspähre ich eindringe (und das ja nun mal nicht zufällig, sondern gewollt), interessieren mich nur für die Verwertbarkeit in meinem Beitrag.

    Vielleicht kann man das auch gar nicht anders machen. Vielleicht muss man emotionslos sein, um solche Beiträge erstellen zu können. Ich empfinde es halt als sehr unangenehm und verzichte dann lieber auf einen so entstandenen Bericht.

    Selbstgerecht, weil der Artikel für mich so klingt, als wollte der Autor sagen: ich weiß ja, dass das alles nicht so astrein gelaufen ist, aber durch meine Offenbarung erarbeite ich mir die Vergebung der Leser.
    Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie sich jetzt erst bewusst geworden sind, dass das alles nicht so optimal war. Selbst wenn Ihnen erst der Gedanke beim Zusammenstellen des Materials kam, hätte man immer noch darauf verzichten können, das Material zu verwenden. Für mich klingt es nach: ich habe mich mit einer NGO eingelassen, habe schnell das Material zusammengestellt, habe mein Geld bekommen (was das einzige Ziel der ganzen Aktion war) und möchte mich im Nachhinein rein waschen, indem ich Buße tue.

    Vielleicht habe ich auch einen komplett falschen Eindruck durch den Artikel gewonnen, ich wollte nur erklären, wie ich zu meinen ersten Aussagen kam. Wenn man in seiner journalistischen Arbeit nicht emotional sein darf und das “über Leichen gehen” in irgendeinem Journalisten-Kodex festgeschrieben ist, dann möchte ich mich entschuldigen. Dann kenne ich aber auch einige Journalisten, die sich nicht an diese Vorschriften halten und denen es beim Zusammentreffen mit Schicksalen nicht nur um das Sammeln von Aussagen geht, um letztlich das eigene Einkommen zu sichern.

  8. Samuel Burri sagt:

    @ Tim Krahnert
    Danke für Ihre Antwort!

    Nein, ich tue mit diesem Artikel nicht Busse. Mein Ziel war, eine journalistische Arbeitsweise kritisch darzustellen.

    Insofern schön, dass ich Sie etwas erschrecken konnte. Beim nächsten Bericht aus einem Flüchtlingslager denken Sie vielleicht daran.

  9. Tilman sagt:

    @Tim: Ich habe mit dem blogpost kein Problem. Die kühl-sachliche Darstellung zeigt ja, dass es eben “nur” ein Job ist um einen gelungenen 3:40 Beitrag zu erstellen, nicht um die Welt zu retten. Der Mann ist einfach nur ehrlich!

    Im Gegensatz dazu schaue man sich die Reportagen von RTL-Jenke an. Der führte zeitweise jede Woche an einem anderen Elendsgebiet auf den Planeten die eigene Betroffenheit vor. (Und er hat auch noch eine dafür super geeignete Stimme!)

    Noch schlimmer ist es wenn ein blondes Model oder Sängerin oder Schauspielerin durch irgendein Elendsgebiet tourt um sich Nachwuchs einzusammeln und sich als Gutmensch darzustellen.

  10. Tim Krahnert sagt:

    “Nein, ich tue mit diesem Artikel nicht Busse. Mein Ziel war, eine journalistische Arbeitsweise kritisch darzustellen.”

    Das nehme ich mal so zur Kenntnis, aber warum haben Sie denn dann diese Arbeitsweise gewählt? Um sie kritisch darstellen zu können? Das würde ihren Beitrag in einem anderen Licht erscheinen lassen, aber der Hinweis auf diesen Zweck würde gänzlich fehlen.

    Oder haben Sie tatsächlich jetzt erst festgestellt, dass diese Arbeitsweise Kritik verdient? Könnte ich nur schwerlich glauben, aber kann ja durchaus sein. Besser späte Reflexion des eigenen Handelns als gar keine.

    Für mich hörte es sich an, als wollten Sie lediglich Kritik am Einbinden einer NGO üben, nicht am Umgang mit den Betroffenen an sich. Und darauf zielte wiederum meine Kritik ab.

    “Im Gegensatz dazu schaue man sich die Reportagen von RTL-Jenke an. … Noch schlimmer ist es wenn ein blondes Model oder Sängerin oder Schauspielerin durch irgendein Elendsgebiet tourt um sich Nachwuchs einzusammeln und sich als Gutmensch darzustellen.”

    Ich kann das nur erahnen. Ich sehe zwar schon regelmäßig fern, aber RTL ist da sehr selten mit dabei. Die “Promis”, die da “touren”, gibt es ja auch ab und an vor oder nach Werbeblöcken zu sehen. Das finde ich allerdings auch sehr abstoßend. Wenn diese Leute tatsächlich nur ein gutes Werk tun wollen, warum muss dann eine Kamera dabei sein?

  11. Tim Krahnert sagt:

    Ich denke ich muss mich entschuldigen. Ich habe den Artikel noch einmal gelesen und habe in der Einleitung den Satz entdeckt: “Für einmal habe ich das getan, was ich an Journalismus in Afrika gerne kritisiere.”

    Insofern kann man daraus tatsächlich die Motivation ablesen. Wie ich eben schon schrieb vermutete, haben Sie die Arbeitsweise gewählt, um sie kritisch beleuchten zu können.

    Ich nehme also alles zurück und behaupte das Gegenteil. Für mich war ihr Anreiz die BBC-Reportage, aber die lieferte wohl nur das Thema, nicht die Motivation eine NGO zu kontaktieren. Eindeutig mein Fehler.

  12. Samuel Burri sagt:

    Keine Ursache. Ich habe diese Arbeitsweise aus zwei Gründen gewählt:

    1. Um meinen persönlichen Erfahrungsschatz zu bereichern. Ich habe damit persönlich festgestellt, wie die Zusammenarbeit eines Journalisten mit einer NGO funktioniert.
    2. Um Geld zu verdienen.
    (Ob Punkt 1 und 2 eine gelungene Kombination ergeben, daran kann man durchaus zweifeln…) :)

    Den Kontakt zur NGO hatte ich übrigens vom BBC-Korrespondenten erhalten, bzw. von seiner Kollegin, die alles für ihn vorgespurt hatte.

  13. Stonemann sagt:

    Lieber Herr Burri, ein sehr guter Artikel, der mich nach längerem Verfolgen Ihres Blogs, nun doch zu einem Kommentar hinreisst. Ich finde die Arbeitsweise an sich nicht so kritisch, wie die inzwischen zurückgenommene Kritik.

    Die Welt der Medien funktioniert so und es ist nun mal leider im Westen so, dass mediale Aufmerksamkeit nur mit schockierenden Bildern und Tönen erzeugt werden kann. Dies kann man kritisieren, aber schwer ändern. Richtig ist aber dass man es Ernst nehmen muss, daher ist Ihr Artikel auch wichtig. Der Vietnamkrieg bekam erst eine richtige Protestbewegung, als ein Bild auftauchte von einem kleinen brennendem Mädchen, wobei es etliche andere solcher Beispiele gibt.
    Womit wir auch schon bei Promis in Flüchtlingslagern wären. Viele Länder und humanitäre Nöte erhalten erst einen Platz in den Nachrichten, wenn sich ein Prominenter dorthin bewegt oder eben ein Journalist eine Reportage macht.
    Diese Aufmerksamkeit ist in der Regel für die direkt betroffenen positiv, weil sie meist Spenden bringt. Dies nun komplett moralisch zu verurteilen finde ich schwierig.

    Und ja, dass ein freier Journalist Geld verdienen muss, das kann man mit Festeinstellung kritisieren, sollte man aber nicht.

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