«Schwule sind wie Tiere»

Westliche Staatschefs fordern eine Legalisierung der Homosexualität in Afrika. Doch diese Unterstützung wollen selbst die afrikanischen Schwulen nicht.

Amerikanische Popmusik dröhnt in einer Disco im Ausgangsviertel Osu. Der Raum ist verspiegelt, entlang der Wände stehen Lederfauteuils, in denen sich das Partyvolk fläzt. Die Kühlschränke hinter der Bar sind beleuchtet und werben für internationale Likörmarken. Ein ganz normaler Ausgangsort in Ghanas Hauptstadt Accra.

Doch immer mittwochs ist hier alles etwas anders – Männer tanzen mit Männern. Das hat Seltenheitswert in Afrika. Die Klubnacht für Schwule mitbegründet hat der 23-jährige Kojo. «Meine Freunde und ich wollten einen Ort, wo wir nicht ausgegrenzt werden», erzählt er. «Wir sammelten Geld, mieteten den Klub – und haben Spass!»

Unterdessen kommen wöchentlich 100 bis 200 Besucher, viele sind Studenten. Die Türsteher geben acht, dass keine unerwünschten Gäste die Party stören. Schwulenfeindliches Verhalten ist in Ghana nichts Ungewöhnliches. Jeder hier habe aufgrund seiner sexuellen Orientierung schon mal Prügel einstecken müssen, sagt Kojo. «Ich lernte im Internet einen Mann kennen, während zwei Monaten chatteten wir. Dann trafen wir uns.» Doch der vermeintliche Schwule entpuppte sich als Schwulenhasser. Gemeinsam mit seinen Freunden hielt er Kojo 17 Stunden lang fest. «Sie verprügelten mich, stahlen mein Handy und mein Geld.» Seinen Eltern erzählte Kojo danach, er sei bei einem Freund gewesen. Zur Polizei konnte er nicht, denn damit hätte er sich nur neue Probleme eingehandelt: Sex zwischen Männern ist in Ghana, wie in über 30 weiteren Ländern Afrikas, illegal.

Ghanas Präsident John Atta Mills machte kürzlich in einer Rede klar, dass er eine Legalisierung der Homosexualität niemals unterstützen werde. Dies war eine Reaktion auf die Äusserung des britischen Premiers David Cameron, der in einem Interview mit der BBC sagte, man müsse sich überlegen, ob man in Zukunft noch Entwicklungshilfe betreiben wolle in Ländern, die Schwulen nicht dieselben Rechte einräumten wie Heterosexuellen. Die britische Hilfe an Ghana beträgt jährlich 130 Millionen Franken.

Die Forderung nach gleichen Rechten für Homosexuelle stellten nach Cameron auch Barack Obama und Hillary Clinton. Diese Einmischung in afrikanische Angelegenheiten führte im sozialkonservativen Ghana – und ebenso in andern afrikanischen Staaten – zu einem kollektiven Aufschrei der Empörung. Kirche und Politiker nutzten die Gunst der Stunde, um sich zu profilieren. Ein einflussreicher Parlamentarier verkündete in einem Gottesdienst, die Legalisierung der Homosexualität komme nicht infrage. Eher sei man bereit zu hungern. Und an den Westen gerichtet: «Zur Hölle mit eurer Hilfe!»

Auch aufseiten der Homosexuellen kommt die vermeintliche Unterstützung westlicher Staaten nicht so gut an. Einer der wenigen Schwulen, die sich öffentlich zum Thema äussern, ist Mike (seinen Nachnamen verrät er nicht), Mitbegründer der Koalition gegen Homophobie in Ghana. Zunächst habe er sich über Camerons Aussage gefreut, so Mike, doch dann sei ihm klar geworden, dass das Thema besser nicht öffentlich verhandelt würde. «Man hätte das auf diplomatischer Ebene ansprechen sollen. Denn jetzt ist es zur Gegenbewegung gekommen, mit homophoben Aussagen von Politikern. Und das in vielen Ländern Afrikas.»

Die Wurzeln der Homophobie sind hauptsächlich in der Religion auszumachen, viele Menschen in Ghana sind sehr gläubig. Zwischen den evangelikalen Kirchen herrscht grosse Konkurrenz. Religion ist ein Geschäft: Wer lauter predigt, gewinnt mehr Anhänger. Viele Pastoren scheuen sich nicht, ihren Schäfchen mit dem Gespenst Homosexualität Angst einzujagen. In Uganda predigt ein Pfarrer gar, Schwule würden gegenseitig ihre Exkremente essen.

Die Marginalisierung hat aber auch gesellschaftliche Gründe. Schwulsein sei unafrikanisch, vom Westen importiert, hört man oft. Mike von der Koalition gegen Homophobie winkt ab. Er sei schon als Jugendlicher in seinem Dorf schwul gewesen, bevor er überhaupt gewusst habe, was Homosexualität sei. Kommt dazu, dass in der afrikanischen Gesellschaft Kinderlosigkeit verpönt ist. «Deine Familie will nicht wissen, ob du arbeitest und gut verdienst, sondern ob du Kinder hast», so Mike. Die meisten  Schwulen heiraten, um ihre Eltern zufriedenzustellen. Und dann seien sie doch heimlich mit Männern zusammen, erzählt er.

Auf dem Parkplatz vor dem Klub stehen junge Männer, rauchen und reden. In einem Auto sitzt der 26-jährige George. Er hat eine Freundin. Ihr zu sagen, dass er Männer liebt, hält er für unnötig. Man werde nur schief angesehen, also schweige man besser, findet George. Niemand spricht im Alltag offen über seine Homosexualität. Meist weiss nur der schwule Freundeskreis Bescheid. Man lebt sich auf privaten Partys aus, oder eben am Mittwoch im Klub.

Um ein Uhr morgens ist die Tanzfläche brechend voll. Aus den Lautsprechern tönt der Hit «Single Ladies» von Beyoncé. Drei schlanke Jungs in engen Jeans und mit glitzernden Ohrsteckern tanzen dazu synchron, reiben ihre Unterkörper gegeneinander. Ihre Freunde feuern sie kreischend an.

Im Klub glaubt niemand, dass Schwulsein in Ghana bald legal sein wird. Der 23-jährige Richie sagt, er fühle sich bereits frei, eine Legalisierung sei unnötig: «Ich gehe aus, trage meine engen Jeans, ich verhalte mich wie ein Mädchen. Ich darf einfach nicht sagen, dass ich schwul bin.»

Organisator Kojo erzählt, er habe sich ans Verstecken gewöhnt. Schlimmer als die Illegalität sei das soziale Stigma, das deprimiere ihn. «Man muss beweisen, dass man auch ein menschliches Wesen ist… Dass man Hirn und Gefühle hat.» Wer in Ghana schwul ist, sei nicht normal, so Kojo: «Schwulsein hier ist, wie ein Tier zu sein.»

Der Radiobeitrag:

Dieser Beitrag wurde am 30. Januar 2012 in der Sendung «Echo der Zeit» von Schweizer Radio DRS gesendet.

Im Dezember bin ich mit Freunden zufällig in diese Schwulendisco gestolpert. Wir fanden das unfassbar, da tanzen fast nur Männer – aber wie! Wo sonst Frauen ihr Hinterteil gegen den Tanzpartner drücken, sind es hier die Typen.

Die Gespräche mit den jungen Schwulen beim Club zwei Wochen später waren dann ebenfalls erstaunlich offen. Ich hatte gar den Eindruck, dass einige froh waren, mal mit jemand anderem als mit ihren Kollegen über die Angelegenheit zu sprechen. Etwas irritiert war ich hingegen vom «Aktivisten», der mir seinen Nachnamen nicht verraten wollte und auch sonst sehr zurückhaltend war. Aber vielleicht hat er seine Erfahrungen gemacht…

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