Sam im Senegal

Chronik einer Reportagereise.

Sollte sich die geneigte Leserin je gefragt haben, was ein Journalist den lieben langen Tag so tut, ist hier die Antwort. Um für die Wahl im Senegal vom 26. Februar gerüstet zu sein, habe ich vom 2. bis 10. Februar das Land besucht.

In den neun Tagen habe ich etwa 80 Franken vertelefoniert, dazu 70 Mails versendet und 10 Stunden Aufnahmen gemacht. Daraus ist bereits ein Radiobeitrag und ein Interview entstanden, drei weitere Beiträge sind in Arbeit und werden in der Woche vor der Wahl im Schweizer Radio ausgestrahlt.

Eines der wichtigsten Werkzeuge war die Kurznachrichten-Plattform Twitter. Dadurch bin ich nicht nur an einen Kontakt gekommen, sondern habe auch immer wieder Hinweise auf aktuelle Ereignisse und interessante Artikel erhalten. Sogar unterwegs könnte man nachlesen, wo ein Protestzug gerade ist, oder ob etwas passiert. Leider kann mein Telefon kein Internet – das sollte ich bei einem nächsten Einsatz ändern.

Donnerstag:
3:00
Uhr komme ich in Dakar an.
11:00
Nach dem Frühstück entdecke ich im Posteingang eine Anfrage – der Spiegel hätte gerne ein Interview mit einem Oppositionellen (bevorzugt Youssou Ndour). Bis Freitagmittag.
13:00
Den Nachmittag verbringe ich mit Telefonieren und Organisieren. Zwei Interviews werden mir zugesagt. Aber nicht mit Youssou Ndour. Eines am Donnerstagabend, eines am Freitagvormittag. Den Interviewpartner vom Freitag würde die Redaktion bevorzugen.
15:00
Zum Thema Ernährungskrise in der Sahelzone erklärt mir ein UNICEF-Mitarbeiter, was ich schon gelesen habe und belehrt mich noch etwas.
19:00
Der Interviewpartner vom Abend ist noch beschäftigt. Später immer noch. Dann will er lieber am Freitagnachmittag. Ich insistiere und werde schliesslich doch noch zu einer Privatwohnung gelotst.
22:00
Ich führe das Interview.
23:00
Und transkribiere es.

Freitag
8:30
Das transkribierte Interview wird verdichtet und in seine finale Form gebracht.
10:00 Der zweite Interviewpartner ist nicht erreichbar, dann in einer Sitzung. Ich schicke das erste Interview an die Redaktion.
11:00 Der zweite Interviewpartner ist in einer Sitzung.
12:00 Der zweite Interviewpart… nach dem Freitagsgebet werden Demonstrationen erwartet, bei einer Moschee nahe des Präsidentenpalastes.
14:25 Das Gebet ist schon vorbei, einige Medien interviewen noch einige Männer und ich freue mich, dass ich zumindest den Interviewpartner von Donnerstagnacht wiedererkenne. Er ist jedoch von einer Horde Journalisten umringt (siehe Foto).
16:00 Der zweite Interviewpartner ist in einer Sitzung.
17:00 Immer noch. Und vom Präsidentenpalast werde ich gebeten, ein E-Mail zu schreiben.

Samstag
9:00
Ich lese im Internet, dass die Oppositionsbewegung M23 eine Medienkonferenz veranstalten wird – am Samstagmorgen. Via SMS erfahre ich dann, dass diese um 11 Uhr stattfinden soll.
10:00 Termin mit einem IT-Unternehmer in Dakar. Nach dem Kaffee gehen wir zusammen zur Medienkonferenz.
12:00 Die Medienkonferenz beginnt. Die Kandidaten der Opposition haben sich für die ersten Tage des Wahlkampfes auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt. Am Sonntag soll eine Demo stattfinden – wann und wo ist noch offen. Ich bin beeindruckt von der Ausrüstung des japanischen Journalisten

14:00 Youssou Ndour ist auch da. Ich interviewe aber einen anderen Kandidaten. Neben mir fragt ein amerikanischer Dokumentarfilmer «Was ist die wichtigste Sache im Leben?»
20:00 Ich höre die Aufnahmen an und wähle wichtige Stellen aus (sog. Grobschnitt).

Sonntag
10:00 Die Demonstration soll um 15 Uhr stattfinden. Ich schreibe der Redaktion des Radios, dass das also nichts wir für die Abendsendung.
14:30 Ich komme beim Demo-Platz an. Einige Leute bauen ein Podest auf. Die Demonstration beginne um 16 Uhr, wird mir gesagt.
17:00 Die Demonstration beginnt, nachdem die Kandidaten in grossen Offroadern angerollt sind, aus dem Dachfenster winkend. Youssou Ndour ist auch da.
18:30 Nach der Nationalhymne verkrümeln sich alle. Keine Strassenschlacht.
20:00
Ich mache einen Beitrag für DRS 4 News über die Demonstration.
24:00
Der Beitrag ist fertig. Ich stelle ihn gleich auch noch auf mein Blog.

Montag
10:30
Ich kann mich doch noch dazu aufraffen, wieder zu arbeiten.
11:00 Das Meeting der Protestbewegung, zu dem ich heute gehen wollte, ist geheim. Deswegen hatte ich auf die Reise nach Saint-Louis verzichtet.
12:00 Ich rufe potentielle Gesprächspartner an. Niemand will heute etwas mit mir zu tun haben.
14:00
Ich rufe weiterhin überallhin an und mache für Dienstag drei Termine ab. So sollten zumindest zwei klappen. Manchmal flunkere ich etwas, um Druck aufzusetzen.

Dienstag
10:00
Ich besuche einen Banlieue-Aktivisten, den ich bei der Demo vom Sonntag kennengelernt habe. Er zeigt mir sein Quartier Guèdiawaye und ich führe Interviews mit einer unzufriedenen Mutter und einem unzufriedenen Mechaniker.
13:00 Ich hätte einen Termin mit dem IT-Mann vom Samstag. Doch zuerst muss ich etwas essen. Leider fahre ich mit dem Taxi ans falsche Ende der Stadt.
13:00 Zudem sollte ich einen IT-Journalisten anrufen, wir wollten uns auch am Nachmittag treffen.
15:00 In der Firma des IT-Mannes empfängt mich seine Mitarbeiterin. Sie zeigt mir die Firma und ich mache ein interessantes Interview über eine Website, die Ereignisse rund um die Wahl darstellt und von Freiwilligen gefüttert wird.
17:00 Der IT-Journalist geht nicht ans Telefon. Später schreibt er mir, er habe geschlafen. Dafür habe ich ein Date mit einer Geschichtsprofessorin.
20:00 Ich besuche die Geschichtsprofessorin in ihrer Wohnung. Nachdem sie fertig gegessen hat, führen wir das Interview.
21:00 Ich bin zurück im Hotel und brauche ein Bier. Werde morgen auch nicht nach Saint-Louis gehen.

Mittwoch
10:00
Beim Präsidentenpalast erreiche ich einfach nichts. Meine Anrufe werden zu nicht besetzten Telefonen weitergeleitet. Meine Mails werden nicht beantwortet.
16:00 Die Protestbewegung, über die ich eine Reportage machen will, hat eine Medienkonferenz in ihrem Hauptquartier. Ich hoffe, etwas Stimmungstöne einzufangen und nicht bloss Parolen.
16:30 Ein amerikanischer Dokfilmer fragt an der Medienkonferenz: «Was ist die wichtigste Sache im Leben?»
17:30 Ich interviewe den IT-Journi, der auch Aktivist ist und von der Medienkonferenz twittert.
17:50 Gemeinsam mit einem welschen Radiojourni interviewe ich einen Rapper.
18:00 Alle Journis sind gegangen, nun findet noch ein internes Meeting statt. Ich frage, ob ich bleiben darf. Ich darf.
19:00 Die Stimmungstöne sind im Kasten. Ich irre noch etwas im Quartier herum und schaue, wie die Elfenbeinküste Mali besiegt. Schliesslich entscheide ich mich, Saint-Louis von meinem Reiseplan zu streichen.

Donnerstag
10:00
Beim Präsidentenpalast erreiche ich einfach nichts. Meine Anrufe werden zu nicht besetzten Telefonen weitergeleitet. Meine Mails werden nicht beantwortet.
14:00 Beim IT-Unternehmen interviewe ich noch den Besitzer und weitere Leute.
17:00 Der Kauf eines Serviertabletts aus Tomatenbüchsenblech scheitert – das Modell ist ausverkauft und Holzfrüchte oder ein Djembe will ich nicht kaufen.
20:00
Ich esse am Institut Français Fischfilet an Hibiskus-Sauce – das Essen ist fantastisch!

Freitag
1:00 Das Essen war doch nicht so fantastisch.
3:00 Wirklich nicht.
10:00 Beim Präsidentenpalast rufe ich nicht mehr an. Ich beschliesse, an diesem Tag nichts mehr zu unternehmen und räume mein Zimmer.
12:00 Ich liege auf der Hotelterasse und schaue in den Himmel. Mein Magen rumort noch immer.
14:00 Ein Anruf von einer unterdrückten Nummer. Ich will nicht.
14:03 Den zweiten Anruf nehme ich an – der Präsidentenpalast! Ich darf mit dem Sprecher des Präsidenten ein Interview führen im Anschluss an eine Medienkonferenz um 17 Uhr.
16:45 Ich schlage einem Wachmann beim Palast fast in die Fresse, weil der steif und fest behauptet, ich sei nicht angemeldet.
16:50 Ah, es gibt noch einen zweiten Eingang. Dort bin ich angemeldet.
18:30 Ich interviewe den Sprecher des Präsidenten. Er sagt mir nichts Neues, aber ich freue mich trotzdem, nun auch noch eine Pro-Wade-Stimme im Kasten zu haben. Die sind gar nicht so einfach zu finden.
22:00 Im Hotel arbeite ich noch etwas, mein Flug geht um 2 Uhr.

Dieser Beitrag wurde unter Blog, Journalismus, Senegal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Sam im Senegal

  1. xirah sagt:

    Wenn Sie einen Twitter-Account haben, könnten Sie doch den – neben dem ollen Facebug – hier irgendwo vermerken, könnten Sie nicht?

    Item, wollte Ihnen numen hurti diesen Link reinhängen, so fyi halt :)

    http://blog.zeit.de/gruenegeschaefte/

    E pi wala gua, xirah

  2. Samuel Burri sagt:

    Ich habe nicht vor, meinen Twitter-Account aktiv zu bewirtschaften.

    Und danke für den Hinweis. Die Studie des Öko-Instituts ist bereits ein Jahr alt. Der verantwortliche Beamte der ghanaischen Umweltbehörde hatte sie aber gerade nicht zur Hand, als ich ihn (vorangemeldet) besuchte und (ebenfalls angemeldete) Fragen nach Zahlen stellte.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>