Der Youssou-Effekt

Wie Youssou Ndours Bein die Proteste im Senegal medial dominiert.

«Mit dem Internet können wir die internationalen Medien korrigieren», erklärte mir Basile Niane am Rande einer Medienkonferenz. Senegals Chefblogger ist begeistert von den Möglichkeiten des Netzes, berichtet selbst ausführlich via Handy und Kurznachrichtenplattform Twitter von den Ereignissen.

Seine Kritik an den Medien: ständig wird über den Sänger Youssou Ndour berichtet. Nach der Entscheidung des Verfassungsrates, Ndour nicht zur Wahl zuzulassen, den Präsidenten hingegen schon, gingen viele Senegalesen auf die Strasse. «Internationale Medien meldeten, die Leute würden wegen Youssou Ndour protestieren! Dabei ging es um den Präsidenten», so Niane.

Dasselbe ist am Dienstag wieder passiert.  Drei Kandidaten versuchten, auf den Platz der Unabhängikeit zu gelangen: Idrissa Seck, Ibrahima Fall und Cheikh Bamba Dieye. Mit von der Partie waren auch Fadel Barro, Koordinateur der Protestbewegung «Y’en a marre», Youssou Ndour, und nicht zu vergessen hunderte von Demonstranten, die nicht zum Dachfenster ihres Offroaders hinauswinken konnten (Bild dakaractu.com).

Irgendwann im Laufe des Abends ist er Offroader von Youssou Ndour ziemlich zügig weggefahren. Gegen Mitternacht folgte die Eilmeldung, Youssou Ndour habe sich am Bein verletzt.

Ndour wolle daraus aber keine Staatsaffäre machen, so sein Sprecher.

Das sahen die Nachrichtenagenturen anders. In insgesamt 16 von 19 Meldungen über die Demonstration (AFP/Reuters/SDA) war Youssou Ndour präsent. Bei acht Meldungen wurde gar nur der Sänger namentlich erwähnt, jedoch keiner der drei Kandidaten.

In der Schweiz lautete die Meldung, verbreitet von den meisten Online-Portalen:

Sänger Youssou N’Dour bei Demonstration in Senegal verletzt

Dakar (sda/afp) Bei der gewaltsamen Auflösung einer nicht
genehmigten Demonstration in Senegal ist auch der bekannte Sänger und Oppositionelle Youssou N’Dour verletzt worden. (…)

Youssou Ndour hat die Berichterstattung also einmal mehr dominiert. Der Aktivist Cheikh Fall schrieb am Dienstagabend spät ironisch auf Twitter: «Nun warte ich noch auf einen chinesischen oder japanischen Tweet über Youssou Ndour, dann gehe ich zu Bett.»

Natürlich kann man den Hype um Youssou Ndour auch positiv sehen. Seine Präsenz bei Aktionen der Opposition schafft Medienöffentlichkeit. So geht zumindest nicht vergessen, dass im Senegal am Sonntag gewählt wird. Doch wie viele andere wurden schon verletzt oder getötet im Verlauf der Demonstrationen?

Übrigens ist die einzige Quelle der Verletzung Ndours sein Sprecher, zitiert von AFP. Und der wollte nichts sagen zur Art der Verletzung. Wie schlimm es also wirklich war, werden wir wohl nicht erfahren.

Nachtrag 24.2.2012: Soeben springt mir ein Text auf euronews ins Auge, der Ndour zum «aussichtsreichsten Gegenkandidaten» macht. Und die Deutsche Presse-Agentur DPA erwähnt im Vorschautext zur Wahl Youssou Ndour sechs Mal namentlich, ebenfalls sechs Mal einen der 13 Kandidaten der Opposition. Die DPA weiss: «Ndours Ausschluss von der Wahl ist vor allem für die vielen jungen Wähler im Senegal ein schwerer Schlag.»

Was man fairerweise auch sagen sollte: Youssou Ndour meint es mit seinem Engagement für einen Wechsel im Senegal wirklich ernst. Sonst wäre er nicht seit zwei Monaten an jedem Anlass des Oppositionsbündnisses M23 und an Demonstrationen präsent.

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