Ein flotter Zug in Accra

Zwei moderne Züge – und viele Probleme im Rest des Landes.

Der Angestellte am Bahnhof Accra ist sehr hilfsbereit. Zusammen mit einem Kollegen versucht er, die Abfahrtszeiten der Züge zu rekonstruieren. Nach einigen Minuten habe ich einen Fahrplan für die Strecke Accra-Tema zusammen, der in etwa stimmen könnte. Natürlich gibt es den Fahrplan, bloss ist er weder online noch offline ersichtlich. Die Züge fahren jeweils zweimal morgens und abends.

Seit November 2010 ist Ghana in der Eisenbahn-Gegenwart angekommen. Zwei chinesische Dieselzüge pendeln auf der Linie Accra-Tema. Immer um halb sieben und um halb acht höre ich vom Schlafzimmer aus das Hupen der Lokomotive. Und der Selbstversuch zeigt: kurz nach halb sieben rollt der chinesische Dieselzug aus Tema an der Haltestelle in Dzorwulu ein.

Die Sitze in den vier Wagen sind besetzt, einige Pendler stehen. Abends habe ich auch schon voller besetzte Züge gesehen. Das Tempo überschreitet nie 50 km/h, an der Station von Achimota muss der Zug eine Spitzkehre machen. Ein Kondukteur verkauft Tickets für einen Cedi (55 Rappen).

Entlang der Linie wohnen viele Leute in selbstbebauten Hütten aus Holz und Wellblech. Zuzüger, oft noch mit der Morgentoilette beschäftigt. Seit Januar 2011 sind die Bauten entlang der Strecke mit roter Farbe markiert. «Remove now» steht da, und die Stadtverwaltung von Accra hatte ursprünglich angekündigt, dass im Februar des vergangenen Jahres mit dem Bau eines zweiten Geleises begonnen werde. Bisher ist nichts passiert.

Im Hauptbahnhof steigen die Pendler aus. Der Bahnhof von Accra ist begehbarer als früher, als er komplett von Marktfrauen übernommen worden war. Doch gleich ausserhalb des Bahnhofes beginnt der Markt – Kohle, Gemüse und Kleider. Die grossen Kleiderhaufen werden für den nahen Occasionsmarkt sortiert.

Im Zug zurück nach Tema sitzen nun weniger Leute. Einige Bananenverkäuferinnen dösen vor sich hin oder verpacken Erdnüsse in Plastiktüten. Neben unserer Linie gibt es noch den Zug nach Nsawam. Andere Personenlinien als diese total gut 80 Kilometer sind derzeit im ganzen Land nicht in Betrieb. Die Schienen (früher mal 1000 Streckenkilometer) sind teilweise in schlechtem Zustand, Bahnschwellen werden von Termiten zerfressen oder wackeln.

Natürlich hat jede Regierung Pläne, das Eisenbahnnetzwerk der Kolonialzeit wieder aufzufrischen. Im Dezember wurde mit der chinesischen Firma CMC ein Vertrag über 6 Milliarden USD unterschrieben. Ziel ist, ab September 2012 eine Nord-Süd-Traversale durchs Land zu legen, insgesamt 1200 Kilometer Geleise sind vorgesehen, zu beenden bis 2020.

Die vorherige Regierung verhandelte 2007 mit dem Schweiz-Ghanaer Ebenezer Mireku (siehe Dokfilm SF) über eine Erneuerung der Eisenbahn. Die Bürotür seiner Firma ist heute von Spinnweben bedeckt. Ebenfalls unterschrieb die Regierung 2007 einen Vertrag mit einem Konsortium rund um Kampac Oil Dubai. Das Ziel war, von Takoradi nach Hamile eine Nord-Süde-Transversale zu bauen und zu betrieben – zum Preis von 1.6 Milliarden USD. Kampac machte danach nur noch einmal Schlagzeilen – an einem Charity-Event versprach die Firma eine Million USD für Kinder in Not. Das wars.

Vollmundige Versprechen von Regierung und Investoren gehören in Ghana seit Jahren zum Geschäft – etwa die Prophezeihung eines Ministers, Züge würden bald mit 160 km/h durchs Land düsen. Völlig illusorisch. Zudem ist unklar, wie jemals mit der Eisenbahn Geld eingenommen werden kann.

Beispiel Accra – Tema: Im Idealfall werden in den täglich acht Fahrten je 600 Passagiere befördert. In der Realität sind es wohl knapp die Hälfte – also Einnahmen von 2500 Cedi pro Tag. Damit wären (Betriebskosten nicht eingerechnet) die Investitionen von 60 Millionen USD in 20 Jahren amortisiert. Immerhin – die Linie Accra-Tema funktioniert bislang. In diesem Zug würde ich auch pendeln.

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Eine Antwort auf Ein flotter Zug in Accra

  1. Kete sagt:

    Aha, endlich! Schöne Bilder.

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