Der Wahlmorgen in Alajo

Um sieben Uhr soll das Wahlbüro öffnen, eine Viertelstunde vorher stehen bereits mehrere hundert Leute Schlange. Die Wahlbüro-Mitglieder stellen ihre Tische, Stühle, die Wahlurnen und die Wahl-Boxen aus Karton auf. Um halb acht Uhr geht es schliesslich los.

Zuerst kommen Alte und Schwangere an die Reihe, dann der Rest. Gelegentlich kommt es zu kurzen und heftigen Diskussionen – doch irgendwer schlichtet immer. Vaida wartet seit ein Uhr nachts, nach der Wahl will sie wieder arbeiten gehen, deshalb stand sie früh an. Ahmed sieht die Wahl als Bürgerpflicht – danach geht er noch zur Moschee. Wer auch immer gewählt wird, Ahmed wird es akzeptieren, das sei Gottes Wille.

Ein Mann gibt vor, mit dem Chef der Wahlkommission zu telefonieren. Er beklagt sich, die Leute würden keine schöne Schlange formen, was allgemeine Heiterkeit auslöst. Später kommt tatsächlich die Polizei, wird von den Menschen hier bejubelt – und bringt Ordnung in eine der beiden Schlangen.

Wahlen in Ghana: Mahama wie Obama?

Präsidenten- und Parlamentswahlen in Ghana am 7. Dezember – eine weitere Vorschau.


Das Boot ist voll – NDC-Anhänger versuchen ein Parteiboot zu entern.

Albert Nyemeck ist sich sicher, dass Ghana das beste Land südlich der Sahara ist. «Wenn ich ein Land empfehlen müsste – es wäre Ghana», sagt der Kameruner Nyemeck, der viele Länder gesehen hatte, bevor er sich in Ghana mit seiner ivoirischen Frau niederliess. Sie betreiben die Bar «Chez Cynthia», ihre Gäste stammen aus dem frankofonen Afrika – und alle loben das stabile, demokratische Ghana.

Für seine Partei, den National Democratic Congress (NDC), und für sich selber hat der 54-jährige Präsident John Dramani Mahama sechs Wochen lang die Werbetrommel gerührt. «Gott sei Dank ist dies nun die letzte Wahlveranstaltung», gesteht er der Menge in Accra am Mittwoch. Im Juli hatte er, damals noch Vizepräsident, die Nachfolge des verstorbenen Präsidenten John Atta Mills angetreten. «Mahama wie Obama», ruft einer seiner Minister den euphorisierten Besuchern der Wahlveranstaltung zu – der Präsident soll wiedergewählt werden.

Ghanas Wirtschaft ist unter der Regierung des NDC gewachsen. Vor zwei Jahren begann Ghana, neben Kakao und Gold auch Erdöl zu exportieren. Korruption und Misswirtschaft sind im Vergleich zu andern afrikanischen Ländern bescheiden. Präsident Mahama könnte an seiner Wiederwahl allenfalls vom 68-jährigen Nana Akufo-Addo von der New Patriotic Party (NPP) gehindert werden. Die NPP ist die Partei der wirtschaftlichen Elite, sie steht für die freie Marktwirtschaft ein. In ihrer Zeit als Regierungspartei (2001–2009) hatte die NPP das Land effizient geführt, jedoch auch den Interessen ihrer mächtigen Mitglieder gedient, etwa mit der Senkung von Importsteuern. Der NDC hingegen gibt sich sozialdemokratisch. Doch die Parteiprogramme von NDC und NPP gleichen sich, beide Parteien wollen etwa die Landwirtschaft modernisieren und die Schulbildung stärken.

Der Ausgang der Wahl vom 7. Dezember ist offen, Mahama und Akufo-Addo liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Vor vier Jahren kam es zu einer Stichwahl. 0,2 Prozent der Stimmen gaben den Ausschlag. Ghana zeigte, dass es mit einem knappen Resultat umgehen kann. Auch diesmal verzichteten die Kandidaten auf Stimmungsmache. Ghana will seinem Ruf als Hort der Stabilität gerecht werden. Damit hebt es sich von anderen Ländern der Region ab. Es ist ein bevorzugtes Ziel für Investoren. Und für Einwanderer, die in der Bar «Chez Cynthia» unbehelligt ihr Feierabendbier trinken können.

Dieser Beitrag erschien am 7. Dezember 2012 in der «Neuen Zürcher Zeitung».

Wieso Ghana gewinnt

Egal, wer die Wahl am 7. Dezember für sich entscheidet, ein Sieger steht bereits fest – es ist das Land selbst.


Der Konsum ghanaischer Medien in den letzten Wochen hinterliess gelegentlich einen schalen Nachgeschmack. Da wurden Skandale und Skandälchen herumgeboten. Ein Auszug aus dem Wahlregister etwa zeigte offensichtlich minderjährige, registrierte Wähler. Es kam und kommt laufend zu verbalen Angriffen zwischen Politikern aller Parteien, darunter auch rassistische Ausfälligkeiten. Die Oppositionspartei New Patriotic Party (NPP) beklagte sich über Einschüchterungsversuche gegenüber ihrer Wählerschaft. Mitglieder der Regierungspartei National Democratic Congress (NDC) haben offenbar staatliche Gelder für den Wahlkampf missbraucht.

Die Grenze zwischen NDC und NPP verläuft noch immer primär entlang ethnischer Linien. Beide Parteien haben ihre Hochburgen und scheuen sich besonders dort nicht, im Falle einer Wahl Strassen, Brücken und sogar internationale Flughäfen zu versprechen. Wähler-Umfragen ergeben keinen klaren Favoriten – es wird eng werden. Und je enger das Rennen, desto grösser die Gefahr von Zwischenfällen, die Verlockung, die Wahlen zu manipulieren.

Doch das sind Kleinigkeiten – verglichen mit den positiven Aspekten. „Wieso Ghana gewinnt“ weiterlesen

Ware aus China für Ghanas Wähler

Den Oppositionskandidaten immer im Blick: Frau mit Sonnenbrille der NPP.

Ghanas Parteien versprechen vor der Wahl, sie wollten das Land vorwärtsbringen. Ihre zahllosen Wahlkampfartikel besorgen sie indes in Asien.

Den Oppositionskandidaten immer im Blick: Frau mit Sonnenbrille der NPP.

Wahltag ist Zahltag. Und Wahlkampf ist Zahlkampf – zumindest in Ghana. Wenn ein Politiker ein Dorf besucht, verspricht er gerne gleich eine neue Strasse. Der spätere Präsident John Atta Mills versprach vor vier Jahren der Stadt Tamale im Norden einen internationalen Flughafen, um die Pilgerreise nach Mekka zu erleichtern. Der Flughafen steht auch dieses Jahr wieder auf dem Wahlprogramm der Regierungspartei National Democratic Congress (NDC). Eine weitere Konstante im ghanaischen Wahlkampf sind die Tausende T-Shirts mit Slogans und Logos. Und die Unmengen von propagandistischer Plastikware. „Ware aus China für Ghanas Wähler“ weiterlesen

Harsche Töne in Ghanas Wahlkampf

Einige Politiker in Ghana versuchen, mit populistischen oder rassistischen Aussagen zu punkten.


Debatte der Präsidentschafts, hier ging alles sehr gesittet zu.

Als ich das erste Mal nach Ghana kam, stellte ich erfreut fest, wie lebendig und offen die Debatte in den Medien ist. In Radios und Zeitungen wird offen über Korruption, Misswirtschaft und andere wunde Punkte diskutiert.

Doch schon bald merkte ich, dass die meisten Medienberichte einfach aus Zitaten von Politikern und anderen wichtigen Leuten bestehen. Die Medien transportieren also Anschuldigungen, meist ohne diese zu überprüfen. Und die Politiker wissen das auszunützen.

Sind die oft harschen Töne eine Gefahr für Ghanas Demokratie?


Dieser Beitrag wurde am 1. Dezember 2012 in der Rubrik «Eine Welt» von Deutschlandfunk gesendet.