Die friedlichen Leute vom gesegneten Leuchtturm

Ghana funktioniert als Demokratie und hat eine blühende Wirtschaft. Die Gründe dafür liegen in der Geschichte des westafrikanischen Staates. Doch auch in Ghana ist nicht alles Gold, was glänzt.

Baustelle in Accra

«Das Geheimnis unserer Demokratie ist simpel. Es liegt in den Menschen Ghanas – sie lieben die Freiheit.» John Kufuor sitzt milde lächelnd auf einem reich dekorierten Holzstuhl in seiner Villa, und erklärt dem Besucher, wieso Ghana sich zum gerne zitierten «Leuchtturm der Demokratie» entwickelt hat. Der 74jährige Kufuor muss es wissen, schliesslich wurde er im Jahr 2000 als erster Oppositionspolitiker an Ghanas Staatsspitze gewählt. Acht Jahre später überliess Präsident Kufuor seinen Platz wieder der Gegenpartei. Und doch greift seine Erklärung ein wenig zu kurz.

Auch in Mali lieben die Menschen Freiheit, wie Bilder von Frankreichs Militärintervention zeigten. Auch die Bewohner Nigerias oder der Elfenbeinküste sind an einem friedlichen Alltag interessiert. Und doch wird in diesen Gegenden der Alltag immer wieder von blutigen Konflikten ethnischen oder religiösen Ursprungs überschattet.

Demokratische Traditionen

In Ghana leben Christen und Muslime verschiedener Ethnien friedlich zusammen. «We are very peaceful people», man sei friedliebend, erklären Ghanaer unisono – von der Bananenverkäuferin bis zum Programmierer. Und wirklich, die Bewohner des Landes scheinen scheinen oft die Ruhe selbst zu sein. Bei den Wahlen im Dezember 2012 standen die Menschen in der prallen Sonne stundenlang an, um ihre Stimme für den Präsidente und das Parlament abzugeben. Das Auszählen der Stimmen in den Wahlbüros geschah abends vor der versammelten Nachbarschaft im Quartier. Der Wahltag erinnerte eher an einen Feiertag als an eine politische Weichenstellung. Zwei Tage später stand der knappe Sieg von Präsident John Mahama des National Democratic Congress (NDC) fest.

Die Oppositionspartei New Patriotic Party (NPP) kündigte darauf Beweise für den Wahlbetrug an und ging gegen das Resultat vor Gericht. Die bisher veröffentlichten «Beweise» halten aber kaum, was die Partieoberen versprochen haben. Von einem systematischen Betrug kann nicht gesprochen werden – doch darüber wird das oberste Gericht befinden.

John Kufuor hält sich, ganz elder statesman, aus diesem Streit heraus. Er scheint von der Taktik seiner Partei NPP nicht überzeugt zu sein. Zudem weiss er längst, dass Niederlagen wie Siege zum politischen Geschäft gehören. Dass Kufuor nach der Wahl im Jahr 2000 auch das Präsidentenamt antreten konnte, dafür zollt er seinem Vorgänger Respekt. Der frühere Putschist, Leutnant Jerry Rawlings, trat nach 20 Jahren an der Macht auf Grundlage der eigens eingeführten Verfassung freiwillig zurück. Man müsse aber auch bedenken, so Kufuor, dass es mit dem Ende des kalten Krieges in Afrika schwieriger geworden sei für «starke Männer» an der Staatsspitze.

Schlussendlich sei die Demokratie auch in Ghanas Tradition verankert. «Wir sind alle ein Produkt unserer Geschichte», erklärt Kufuor. In Ghana ist dies das traditionelle System der lokalen Führer, der sogenannten Chiefs. Diese wurden zwar nicht demokratisch gewählt, jedoch konnte ein Chief nicht entgegen dem Willen der Gemeinschaft regieren.

Nationalgefühl dank Englisch

Das Haus von K.B. Asante ist etwas kleiner und älter als die Villa des Ex-Präsidenten Kufuor, dafür ist die Wegbeschreibung um so poetischer: «Gehen Sie bei der Palmweinkreuzung links, bis zum Haus mit den grossen Mangobäumen!» Der 89jährige Asante, war ab den 1950er Jahren im diplomatischen Dienst Ghanas, in den 70ern auch einige Jahre als Botschafter in Bern und Genf.

K.B. Asante hatte schon der ersten Regierung nach der Unabhängigkeit unter Präsident Kwame Nkrumah gedient. Für ihn ist klar: Ghana hat seine Stabilität Nkrumah zu verdanken. Dieser formte aus Ghana eine Nation mit der Landesssprache Englisch. Er habe den damals «rückständigen Norden» durch verstärkte Bildung dem Süden nähergebracht, religiöse und ethnische Parteien verboten.

Deshalb, so Asante, herrschten heute nicht Zustände wie in Nigeria oder der Elfenbeinküste, wo sich die Muslime im Norden und die Christen im Süden spinnefeind sind. Zwar haben die beiden grossen Parteien NDC und NPP immer noch ihre regionalen Stammlande, doch in der oft hitzigen politischen Debatte wird nur selten die Rassenkarte gespielt.

Obwohl Ghana als politisches und wirtschaftliches Musterland Westafrikas gilt, ist K.B. Asante mit der Entwicklung des Landes unzufrieden: «Ich bin enttäuscht! Ghana ist gut in die Unabhängigkeit gestartet, doch heute sollte es uns viel besser gehen.» Die Geschichte Ghanas nach der Unabhängigkeit wird bis in die 1980er Jahre von Coups und Misswirtschaft dominiert. Erst in den 90ern Jahren kriegte das Land wirtschaftlich wieder festen Boden unter die Füsse.

Ironischerweise war es Putschist Rawlings, welcher dem Land einen rigiden Sparkurs auferlegte und Ghana eine neue demokratische Verfassung spendierte. 1992 fanden erstmals Wahlen in einem demokratischen Rahmen statt. Zwanzig Jahre später scheint dieser Rahmen konsolidiert. Doch auch das krisengeschüttelte Mali wurde 1992 demokratisch und galt als Musterbeispiel für die Demokratisierung. Die Gefahr einer Spaltung einer multiethnischen Gesellschaft kann nie vollends ausgeschlossen werden.

Fastfood für die Mittelklasse

Dass die Gefahr solcher Konflikte in Ghana nicht droht, hat mehrere Gründe. Ghana erlebte nie einen Bürgerkrieg, der Schusswaffen ins Land schwemmte. Zudem besitzt der Staat relativ gut funktionierende Institutionen. Die Sicherheitskräfte sind ausgebildet, ausreichend ausgerüstet, die Korruption hält sich in Grenzen. Ähnliches lässt sich vom ganzen Staatsapparat sagen. Oder wie es K.B. Asante ausdrückt: «Wir haben zwar eine Tendenz zur Indisziplin. Doch viele von uns realisieren früher oder später, dass wir ohne Disziplin nicht vorankommen, weil dann Schulen, Spitäler, Ämter nicht funktionieren.»

Ghana ist wirtschaftlich ein «gesegnetes Land», wie es der frühere Präsident John Atta Mills gerne ausdrückte. Gold, Kakao und Erdöl können teuer exportiert werden, das Land ist fruchtbar. Mit 1410 Dollar pro Kopf zählt Ghana laut Weltbank mittlerweile zu den Ländern mittleren Einkommens. Auf diesem Niveau liegt auch Indien.

Die wachsende Mittelklasse steht in Accra mit neuen, klimatisierten Autos im Feierabendstau. In vielen Quartieren wachsen Hochhäuser, neue Hotels und Einkaufszentren schiessen wie Pilze aus dem Boden. Die Mittelschicht besucht etwa den Fastfood-Laden KFC, dessen Hühnerfleisch-Menus als qualitativ hochwertig gelten. Besonders zügig geht es in Ghana aber auch bei einem Schnellrestaurant nicht voran. Am Wochenende, wenn vielbeschäftigte Väter ihre Familien einladen, führt dies jeweils zu langen Schlangen vor den Kassen.

Trotz Ungleichheit wenig Kriminalität

Ganz anders teilweise das westlich oder asiatisch dominierte Tempo der Privatwirtschaft. Da vermag die staatliche Infrastruktur nicht mitzuhalten. In der Folge sind Strom- und Wasserversorgung in der Hauptstadt derzeit rationiert. Dabei produzierte das Land mit dem Volta-Stausee einst Elektrizität im Überfluss. Kürzlich machte gar die Geschichte Schlagzeilen, dass Neugeborene im Spital mit Mineralwasser gewaschen werden müssen, weil die Wasserleitungen versiegt sind.

Wer es sich leisten kann, und das ist bei öffentlichen Spitalern nicht immer der Fall, umgeht die Versorgungslücken mit Generator und Wassertank. Doch die Kluft zwischen Arm und Reich wird grösser. Die Armen leben etwa im Old Fadama-Slum in engen Holzhütten auf aufgeschüttetem Müll. Die Reichen hingegen, wie Ex-Präsident Kufuor in Villen mit grossem Umschwung in Flughafennähe.

Auf dem Land sind die Unterschiede weniger gross, die Einkommen generell tief. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt von der Agrikultur oder betreibt Subsistenzwirtschaft. Vom boomenden Stadtleben profitieren die Bauern kaum, so lange ihre Tomaten nicht rechtzeitig auf den Markt gefahren werden.

Und trotz dieser Ungleichheiten gibt es kaum Kriminalität, geschweige denn soziale Unruhen. Ist also die Liebe zur Demokratie, die ruhige Entspanntheit tatsächlich im Wesen der Ghanaer verankert? Ex-Diplomat Asante stellt eine gewisse Harmoniesucht fest: «Ghanaer wollen Konflikte immer friedlich lösen. Leider. Denn so ignoriert man manchmal das Problem.» Lieber stelle man in einem Kompromiss beide Seiten etwas zufrieden.

Insgesamt, stellt Asante unterm Mangobaum sitzend fest, habe man es hier tatsächlich etwas besser in den Staaten der Nachbarschaft. Die religiösen Institutionen etwa stünden in Ghana stets im Dialog. Ghana ist ein stabiler demokratischer Leuchtturm im manchmal etwas wilden Ozean Westafrika. Doch, so warnt Asante: «Wir können stolz sein, dass Ghana funktioniert, aber darauf verlassen sollten wir uns nicht.»

Dieser Text erschien am 18.4.2013 in der Neuen Zürcher Zeitung.

Nicht ins Blatt schaffte es untenstehende «Infobox» zum industriellen Wachstum – was ich natürlich bedaure – weil erstens relativiert sie den das Lob im Artikel etwas. Und zweitens denke ich, dass die schwache Industrie für viele Länder Afrikas zu einem strukturellen Problem führen könnte.

Ghanas nächste Herausforderung – die Industrie

Ghana befindet sich derzeit am Übergang vom Entwicklungs- zum Schwellenland. Mit Wachstumsraten des BIP von 14.4% (2011) und 7.5% (2012/Schätzung Weltbank) liegt man global an der Spitze. Das Wachstum bringt jedoch neue Herausforderungen mit sich, etwa im Bereich der Infrastruktur. Wachstumstreiber sind die Rohstoffe – sie versorgen Ghana mit einem konstant fliessenden Strom von Devisen. Kakao, Gold und Erdöl haben zudem in den letzten Jahren von hohen Kursen profitiert.

Unter der glänzenden Oberfläche verbirgt sich aber ein strukturelles Problem. Der Dienstleistungssektor erwirtschaftet unterdessen die Hälfte des Bruttoinlandproduktes. Hingegen hat Ghana nie eine Industrialisierung erlebt, die Industrie macht, wie die Landwirtschaft, ein Viertel des BIP aus. Die Industrie ist also klein – selbst Zahnstocher müsse man importieren, spottet ein Ökonom.

Der Löwenanteil im Industriesektor wird zudem von Rohstofffirmen erwirtschaftet – kein nachhaltiges Wachstumsmodell. Die herstellende Industrie bleibt zudem oft unter eine akzeptablen Qualitätslevel – etwa im Lebensmittelbereich. So stehen etwa ölige Chips in schlecht verschlossenen Beuteln im oder saures Joghurt im Ladenregal. Im Quervergleich produzieren Firmen in Kenia Milchprodukte und Snacks, die auch in Schweizer Ladenregalen kaum aus dem Rahmen fallen würden.

Um die lokale Produktion zu fördern, könnte sich ein sanfter Protektionismus auszahlen. Damit würde die schwache lokale Industrie vor subventionierten Produkten ausländischer Hersteller oder der Billig-Konkurrenz aus Asien teilweise geschützt werden. Dies führt wiederum zu Preissteigerungen, was bei Bevölkerung und Politik nicht populär ist.

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