Von offenen Türen und verschlossenen Menschen

Als Journalist auf Reportage, pflege ich zu schwärmen, stehen einem Türen offen, die sonst verschlossen bleiben. Schnell stellt man Kontakte zu fremden Menschen her und erfährt sehr persönliche Dinge. Ein Traumjob. Es sei denn, es waren schon viele Journalisten da.

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Im Wald an der Grenze zur spanischen Exklave Melilla campieren hunderte Migranten und sorgen regelmässig für Schlagzeilen, wenn sie einen Ansturm auf den Dreifachzaun in Richtung Spanien unternehmen. Vom Besuch im Wald wird derzeit abgeraten, nicht bloss wegen der allgegenwärtigen Polizei, die Journalisten Probleme bereiten kann. Gefährlich werden können auch die Migranten. Vor kurzem sei ein BBC-Team mit Waffen bedroht worden, erzählt man mir. Obwohl die Journalisten Essen und Geld für die Flüchtlinge mitgebracht hatten. Viele Migranten, die unter extremsten Bedingungen im Wald leben, haben die Besuche der Medienschaffenden satt.

Ich erlebte das in Takadoum, einem heruntergekommenen Quartier in Marokkos Hauptstadt Rabat. Schon am Eingang einer Wohnung von Kamerunern werden wir mit feindseligen Blicken empfangen. Der Hausherr lässt uns schliesslich ein, damit wir (ein hilfreicher Malier und ich) mein Anliegen vorbringen können, ihre Geschichten aufzuzeichnen.

Im Wohnzimmer sitzen wir inmitten von zehn skeptischen Menschen. Wieso denn ich auch noch komme, lautet der Grundtenor. «Was ist dein Scoop?», fragt einer völlig zu recht. Es seien alle Geschichten schon erzählt worden. Stimmt, pflichte ich bei, vergleiche Journalisten mit Bäckern, welche auch in verschiedenen Bäckereien dasselbe Brot backen würden. Der Vergleich hinkt etwas. Immer mehr Menschen drängen in die Stube. Eine Frau teilt mit, sie hätte viel zu erzählen – aber nicht umsonst. Mein Helfer versucht zu erklären, dass die Aufmerksamkeit, welche ich generieren würde, langfristig auch wieder den Migranten zu Gute komme. Umsonst. Es seien schon zu viele Journalisten dagewesen, lamentiert die Wohngemeinschaft, aus Belgien, Frankreich, etc. Man habe genug. Die Stimmung ist am Gefrierpunkt, und wir beschliessen, die Sache sein zu lassen.

In einer Wohnung in der Nähe kommen wir doch noch an unser Ziel. Zwanzig junge Männer teilen sich drei Zimmer, einige sind verletzt oder krank. Die meisten scheiterten schon am Zaun von Melilla. Alle sind verzweifelt. Ihre Geschichten handeln vom Elend, von Hoffnungen und Enttäuschungen, von Gewalt und Hunger. Einer apelliert an die UNO, sie nicht zu vergessen. Dankbar zeichne ich auf, das ist schliesslich mein täglich Brot. Doch was mein Bericht den Menschen vor Ort wohl bringt?

Mit vielen warmen Worten und einem schlechtem Gewissen verabschiede ich mich. Nehme ich den Menschen auch noch das letzte, was sie haben? Ihre Geschichte?

Der Beitrag über subsaharische Migranten in Marokko, mit den Aufnahmen aus Rabat wurde am 21.4.2014 im Echo der Zeit von Schweizer Radio SRF gesendet.

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