Wieso Wahlen schlecht sind für Afrikas Wirtschaft

Wahljahre sind schlechte Jahre für die Volkswirtschaften Afrikas. In Kenia gingen die Investitionen vor dem Urnengang 2017 deutlich zurück. Doch nicht in allen Ländern schaden Wahlen der Wirtschaft.

Frühmorgens öffnet Martin Njau seinen Stand. Im Slum Kawangware in Nairobi bietet der junge Kenianer Mangos und rote Zwiebeln zum Verkauf an. Inmitten von älteren Marktfrauen ist der 25-Jährige eine Ausnahme. Ein Kleinkredit über 200 Franken war sein Startkapital. «Ich will etwas erreichen, nicht rumhängen wie viele meiner Kollegen», erklärt Njau. Doch in den letzten Monaten lief das Geschäft zäh, während der Wahlperiode hatte er kaum Kundschaft.

Zurückgestellte Investitionen
«Sieben der letzten zehn Wahlen in Kenia führten zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums», erklärt die kenianische Ökonomin Anzetse Were im Gespräch. Bereits vor dem Urnengang sorgte eine Dürre für höhere Preise. Weil die Präsidentschaftswahlen von Anfang August vom Obersten Gericht annulliert wurden und wiederholt werden mussten, dauerte die Wahlperiode zudem besonders lange. Erst Ende November konnte sich der wiedergewählte Präsident Uhuru Kenyatta vereidigen lassen.

In den Monaten vor den Wahlen warten viele Firmen zu mit Investitionen. Und auch die Kenianerinnen und Kenianer sparen. Sollte die Lage in ihrem Quartier eskalieren, können sie nicht mehr arbeiten gehen; viele fahren dann zu Verwandten aufs Land. Im Slum Kawangware ist die Situation während der diesjährigen Wahlperiode mehrmals ausser Kontrolle geraten. Politische Proteste arteten in Plünderungen aus.  Gleich neben dem Markt standen Läden in Flammen. Davon blieb Martin Njaus Marktstand zwar unbehelligt, doch die Wirtschaftsflaute traf den Kenianer. Kleinunternehmer sind besonders verletzlich, da sie oft ohne langfristige Strategie arbeiten und kaum je über die Ersparnisse verfügen, um schwierige Zeiten unversehrt überbrücken zu können.

Auch grosse Unternehmen haben Probleme. Bamburi, der wichtigste Zementhersteller des Landes, kündigte für 2017 unlängst einen Gewinnrückgang von rund einem Viertel an. Andere Zementfirmen mussten gar Fabriken schliessen. Das hängt auch mit einer Abkühlung des überhitzten Immobiliensektors und dem Abschluss der neuen Eisenbahnlinie zwischen Mombasa und Nairobi zusammen. Das unsichere Investitionsklima im Wahljahr dürfte aber ein ebenso wichtiger Faktor sein.

In den letzten Jahren wuchs das Bruttoinlandprodukt (BIP) Kenias jährlich um fast sechs Prozent. In diesem Jahr wird mit einer Abkühlung gerechnet. «Das Wachstum wird sicher unter fünf Prozent fallen», prognostiziert Anzetse Were. Die Ökonomin spürt die Folgen des Wahljahres auch selbst. Viele Firmen, die sie berät, warten lieber zu mit strategischen Entscheiden.

Machtwechsel als Bremsklötze
Wahlen sind auch für andere afrikanische Volkswirtschaften ein Bremsklotz. «Ein Machtwechsel bedeutet, dass man ein neues Netzwerk in der Politik aufbauen muss», sagt Were. Selbst wenn Machthaber bestätigt würden, wechselten sie oft ihre Administration aus. «Man wartet besser, bis die neuen Leute in den Ministerien an ihren Pulten sitzen.»

In Ghana hat dies etwa der nigerianische Mobilfunkkonzern Glo erfahren müssen. Die Firma hatte im Jahr 2008 eine Lizenz von der damaligen Regierung erhalten. Nur Monate später wurde diese abgewählt. Die Plakate hingen, die Firma war Hauptsponsor der ghanaischen Fussballliga, doch telefonieren konnte man mit Glo nicht. Es gab Probleme mit der zugeteilten Funkfrequenz, ein Drittel aller Antennenstandorte wurden durch die neue Regierung nicht bewilligt. Erst nach vier Jahren konnte Glo starten.

Das Phänomen betrifft insbesondere Staaten wie Kenia, Nigeria, Ghana und derzeit auch Liberia: Demokratien also, in welchen eine Opposition existiert, die reelle Chancen hat, an die Macht zu gelangen. Zumindest in Wahljahren ist von der oft gelobten Demokratie-Dividende, nach der Demokratie mit wirtschaftlichem Erfolg einhergeht, wenig zu spüren.

In Staaten mit autokratischen Regierungen wie Rwanda, Äthiopien oder Burundi sind Wahlen kein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Bieten stabile Autokratien also die besseren Wachstumschancen? «So einfach ist es nicht», widerspricht Ökonomin Were. «Zurzeit florieren Äthiopien oder Rwanda zwar, doch deren Wirtschaft hängt von einer Partei oder einer Person ab.» Das sei riskant und könne schiefgehen, wie etwa das Beispiel Simbabwe zeige.

Hoffen auf Weihnachten
In Kenia deutet derzeit noch wenig auf eine rasche wirtschaftliche Erholung hin. Der Einkaufsmanager-Index des Landes, ein Indikator für die Wirtschaftslage, ist so tief wie nie. Die Bestellbücher der Firmen sind leer, viele drosseln die Produktion und entlassen Angestellte. Erschwerend kommt hinzu, dass der Staat verschuldet ist. Kenias Steuereinnahmen können mit den Ausgaben nicht Schritt halten. Die Schulden sind auf über die Hälfte des BIP angewachsen. Der Internationale Währungsfonds weist warnend darauf hin, dass bald ein Viertel der Steuereinnahmen für Schuldzinsen verwendet werde. Zur weiteren Verschuldung beigetragen haben auch die diesjährigen Wahlen: Rund eine halbe Milliarde Franken haben die beiden Urnengänge gekostet – ein auch im europäischen Vergleich sehr hoher Wert.

«Bisher dauerte es jeweils zwei Jahre, bis sich die Wirtschaft von Wahlen erholt hatte», sagt Were. Doch heutzutage seien Menschen und Kapital mobiler. Wenn Kenias Regierung für politische und wirtschaftliche Stabilität sorge, dann kehrten die Investoren rasch zurück.

Die vielen Kleinhändler in Nairobis Slum Kawangware sind trotz der schwierigen Lage zuversichtlich. Derzeit zieht der Konsum etwas an. «Bald ist Weihnachten», erklärt Josephine Mauiki. Sie sitzt in ihrem Laden am Rand des Marktes, hinter ihr stehen säuberlich aufgereiht Getränke, Waschmittel und Konservendosen. Aus Angst vor Plünderungen hat Mauiki den Laden in den vergangenen Wochen mehrmals geschlossen. «Doch nun haben sich die Gemüter etwas beruhigt.» Zum Jahresende geben viele Kenianerinnen und Kenianer ihr Erspartes aus, das hat Tradition. Auch Mauiki will die letzten Tage des langen Wahljahres geniessen. «Ich werde öfters etwas trinken gehen – und tanzen», sagt sie lachend hinter ihrem Tresen.

Artikel erschienen am 22. Dezember 2017 in der Neuen Zürcher Zeitung.

2 Antworten auf „Wieso Wahlen schlecht sind für Afrikas Wirtschaft“

  1. Interessante und einleuchtende These. Gibt es noch mehr Vergleiche zu anderen afrikanischen Staaten und zu deren BIP-Entwicklungen abgesehen von den genannten Einzelunternehmen? Der Vergleich des BIP in SSA und Kenia in der zweiten Grafik suggeriert ja auch andere Gründe als die Wahlen. Hier scheinen noch andere Faktoren am Werk zu sein, die viele und damit auch autokratisch regierte Länder in SSA teilen.

  2. Trotz langer Suche fand ich keine wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema (ausser in Kenia). Auch die BIP- Statistik in Ghana zeigt keine Einbrüche in Wahljahren. Das könnte damit zu tun haben, dass Ghana keine Nachwahlgewalt kennt.
    In erster Linie denke ich, dass das BIP in vielen Ländern Afrikas stark von Rohstoff-Einnahmen abhängt. Der Kakaopreis oder ein Erdölfund z.B. wirken sich auf das BIP eines Landes wohl noch stärker aus als die Wahlen.

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