Afrika strebt die grösste Freihandelszone der Welt an – ohne Nigeria und Südafrika?

Die Afrikanische Union will freien Handel und Personenverkehr. 44 Staaten unterzeichnen ein Abkommen – die beiden grössten Volkswirtschaften des Kontinents sind aber vorerst nicht dabei.

Ausgerechnet Afrika. Der Kontinent, der berüchtigt für Bürokratie und Korruption ist, soll zur grössten Freihandelszone der Welt werden. Untermalt von feierlichem Chorgesang, schritten die afrikanischen Staatschefs am Mittwoch in Rwandas Hauptstadt Kigali zur Unterschrift. 44 von 55 afrikanischen Staaten traten dem Abkommen der Afrikanischen Union (AU) bei. Der Vorsitzende der AU-Kommission, Moussa Faki, war sichtlich erfreut: «Afrikas Völker, die Gewerbetreibenden und die Jungen sollen nicht länger warten müssen, bis die Schranken hochgehen, die unseren Kontinent teilen.»

Furcht vor Konkurrenz

Doch das Gipfeltreffen der AU wurde auch von Misstönen begleitet. Nigerias Präsident Muhammadu Buhari sagte seine Reise nach Rwanda kurzfristig ab, um erst nochmals die lokale Wirtschaft zu konsultieren. Gewerkschaften und grosse Firmen in Nigeria fürchten Konkurrenz von aussen. Sie könnte das System der Patronage aushebeln, von dem die nigerianische Wirtschaft zehrt. Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa unterschrieb nur die Absichtserklärung, nicht jedoch das Abkommen selbst. Auch er will mehr Zeit für Konsultationen im eigenen Land gewinnen. Damit sind Afrikas zwei grösste Volkswirtschaften noch nicht an Bord.

Die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (AfCFTA) ist mit 44 Unterzeichnerstaaten das grösste Freihandelsabkommen seit der Gründung der Welthandelsorganisation WTO. Die Länder weisen ein kumuliertes BIP von rund 2,5 Billionen Franken auf. Das ist vergleichbar mit jenem Frankreichs – für einen riesigen Kontinent nicht besonders viel. Doch im Freihandel steckt Wachstumspotenzial. Die Uno schätzt, dass der Handel innerhalb des Kontinents innert 12 Jahren um die Hälfte zunehmen könnte.

Weniger Rohstoffabhängigkeit

Der freie Handel soll vor allem der Industrie auf die Sprünge helfen. Für die Welt ist Afrika primär ein Rohstofflieferant. Doch innerhalb des Kontinents werden mehr Industriegüter und Agrarprodukte gehandelt. Binnenfreihandel würde also bedeuten, dass afrikanische Hersteller künftig ihre Produkte auf einem viel grösseren Markt vertreiben können. Damit könnte die Abhängigkeit vom volatilen Rohstoffsektor vermindert werden.

Die Idee des Freihandels in Afrika ist nicht neu. Es gibt schon in praktisch allen Regionen Afrikas Freihandelszonen – doch ihre Umsetzung ist oft mangelhaft. Während der Binnenhandel im Osten und Süden des Kontinents gestärkt werden konnte, spielt die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas vor allem eine politische Rolle.

Personenfreizügigkeit wohl chancenlos

Hinzu kommt, dass die Infrastruktur noch immer darauf ausgerichtet ist, Waren in andere Weltgegenden zu transportieren. Zwischen den afrikanischen Staaten sind die Strassen schlecht, Eisenbahnen existieren kaum. Und dann die Korruption. Extrembeispiel ist der Grenzübergang von Seme zwischen Benin und Nigeria – dort müssen Reisende und Waren durch über vierzig meist illegale Checkpoints.

Die Personenfreizügigkeit war zweites Thema des Treffens der AU. Doch die Begeisterung dafür ist gering. Nur 27 Länder unterzeichneten das Protokoll zum freien Personenverkehr. Bedenken gibt es bezüglich Terrorismus. Viele Staaten fürchten auch unkontrollierte Arbeitsmigration und gar Epidemien wie Ebola. Es wird also kaum bald zu freiem Personenverkehr auf dem Kontinent kommen.

Zähe Detailverhandlungen

Das Freihandelsabkommen sieht vor, dass innert zehn Jahren rund 90 Prozent aller Waren von Zöllen befreit werden. Diese Zahl relativiert sich, wenn man bedenkt, dass jedes Land versuchen wird, Ausnahmen hinzuzufügen. So ist es nicht zu erwarten, dass die Nachbarländer Elfenbeinküste und Ghana ihren Kakao frei handeln werden. Kommt hinzu: Was soll man mit den Bohnen des Nachbars machen, wenn man sie nicht weiterverarbeiten kann? Viele afrikanische Nachbarn besitzen eine ähnliche Import- und Exportstruktur, es wird nicht einfach, sinnvolle Wertschöpfungsketten zu finden.

Die Zollbarrieren in Afrika werden nicht über Nacht fallen. Zunächst muss das Freihandelsabkommen von 22 Ländern ratifiziert werden. Danach beginnen zähe Detailverhandlungen. Nicht zu vergessen: Viele afrikanische Länder sind stark von ihren Zolleinnahmen abhängig. Zölle sind einfacher zu erheben als Steuern. Die euphorischen Töne des Gipfels werden also bald verhallen. Trotz allem ist der AU-Kommissions-Vorsitzende Faki zuversichtlich, dass bis Ende Jahr alle 44 Staaten das Abkommen ratifiziert haben werden.

Dieser Text erschien am 22. März 2018 in der Neuen Zürcher Zeitung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.