Wie Politiker für sicheren Drogenhandel an Afrikas Heroinküste sorgen

Der Heroinhandel in Ostafrika nimmt zu. Oft sind Politiker involviert. Das unterminiert die fragilen Demokratien.

Ein Jahr reift der Cabernet Sauvignon des südafrikanischen Weinguts Eerste Hoop in Eichenfässern aus. Dann wird er in Flaschen abgefüllt, eingepackt und nach Europa verschifft. Doch nicht immer befindet sich in den Transportkartons Rotwein. Arbeitern des Weinguts fiel beim Beladen eines Containers eine Palette mit Ziel Niederlande auf, die sich gefährlich neigte. In den Kartons entdeckten sie Packungen mit weissem Pulver: eine Tonne Heroin, der grösste Drogenfund Südafrikas. Wer dahintersteckt, ist heute, ein Jahr später, noch immer unklar.

Dhaus ankern vor Mombasa.

Das Heroin gelangte wohl über die sogenannte Südroute aus Afghanistan nach Südafrika. In Pakistan wird der Stoff auf traditionelle Holzschiffe, sogenannte Dhaus, verladen und überquert den Indischen Ozean. Die Schiffe sind motorisiert und klein, sie werden von Satelliten oder Patrouillen kaum wahrgenommen. Vor der Küste Ostafrikas ankern die Dhaus in internationalem Gewässer, worauf Dutzende von Kleinbooten die Ladung heimlich an Land holen.

Südroute wird beliebter

Das Heroin landet an der Ostküste Afrikas, in Somalia, Kenia, Tansania oder Moçambique. Ein Grossteil wird von da nach Südafrika transportiert und dort neuerlich verschifft, meist Richtung Europa. Die Genfer NGO Global Initiative Against Transnational Organized Crime bezeichnete die Region in einer neuen Studie als «Heroinküste». Die gestiegene Attraktivität der Südroute hängt auch damit zusammen, dass die wichtige Route über den Balkan aufgrund stärkerer EU-Kontrollen riskanter geworden ist. «Die organisierte Kriminalität macht immer eine Risikoabwägung», sagt der Studienautor Peter Gastrow. Die Südroute ist zwar länger als etwa jene durch Zentralasien und Russland, doch der Vorteil ist, «dass man kaum erwartet, Heroin getarnt als Tee, Kaffee oder eben Wein aus Südafrika zu finden».

Nicht zuletzt kurbelt der Drogenhandel über Ostafrika auch den lokalen Konsum in den betroffenen Ländern an. Laut dem Uno-Weltdrogenbericht 2018 hat der Heroinkonsum in Afrika so stark zugenommen wie in keiner anderen Weltgegend. Die Gesundheitssysteme in afrikanischen Ländern sind nicht auf Drogensüchtige ausgerichtet. Hilfe zu finden, bleibt deshalb oft schwierig.

Politiker als Drogenbarone

Innerhalb Ostafrikas wird das Heroin meist auf dem Landweg geschmuggelt. Wichtige Drehscheiben sind die Containerhäfen von Mombasa und Kapstadt sowie die internationalen Flughäfen in Nairobi und Johannesburg. Die Schmuggelmaschinerie muss stetig geölt werden. Das beginnt beim Trinkgeld für den Staplerfahrer im Hafen und geht nicht selten hinauf bis in die höchsten politischen Kreise. Gerade hier stellt Gastrow eine grosse Veränderung fest: «Früher haben die Drogenbosse Politiker und Parteien geschmiert. Heute steigen sie selbst in die Politik ein.»

Der Containerhafen von Mombasa.

In Kenia stehen die Gouverneure der beiden grössten Städte, Nairobi und Mombasa, im Verdacht, ihr Vermögen mithilfe des Drogenhandels gemacht zu haben. Die Betroffenen weisen die Vorwürfe zwar resolut zurück. Ihr öffentlich zelebrierter Hang zu Luxus macht die Dementis jedoch nicht unbedingt glaubwürdiger. Dass die Politik im Drogenhandel involviert ist, bestätigte auch der regionale Interpol-Direktor Gedion Kimilu bei der Präsentation der Studie. Doch immerhin: «Die kriminelle Gefangennahme des Staates geht nicht so weit wie etwa in Kolumbien.»

Uberisierung des Drogenhandels

In Tansania hingegen scheint die Politik derzeit tatsächlich gegen Drogenbarone vorzugehen. Präsident John Magufuli bekämpft aktiv die Korruption. In der Hafenstadt Dar es Salaam wurde unlängst eine Liste von mutmasslichen Drogenhändlern veröffentlicht. Sollten diese verurteilt werden, wäre aber dem Handel wohl noch immer kein Riegel geschoben.

Beim südlichen Nachbarn Moçambique ist der wirtschaftliche Einfluss des Heroins wohl am grössten – die Droge ist eines der wichtigsten Exportgüter, zehn bis vierzig Tonnen Heroin werden jährlich durch das Land verschoben. Der Handel ist unter der Kontrolle einiger Familien im Norden des Landes und wird von der Politik geschützt. Das Aufkommen neuer Technologien öffnet den Handel jedoch zunehmend. Mobiltelefone und geschützte Kommunikations-Apps wie Whatsapp erlauben es Fischern an der Küste, direkte Instruktionen der anonymen Auftraggeber aus dem arabischen Raum zu empfangen. Jeder kann mitmachen. Ein Forscher bezeichnet es als «Uberisierung» des Handels.

Der Grossteil des Heroins von der Ostküste landet schliesslich in Südafrika. Dort wächst seit Jahren die Zahl der Abhängigen. Die Gesundheitssysteme in afrikanischen Ländern, sofern existent, sind nicht auf Drogensüchtige ausgerichtet. Hilfe zu finden bleibt oft schwierig. Der lokale Deal führt zu mehr Krankheiten und Kriminalität. Doch viel Heroin wird exportiert. Da das Volumen des Handels von Südafrika mit westlichen Ländern relativ gross ist, lässt sich die Droge einfacher als anderswo zwischen anderen Waren verstecken.

Keine koordinierte Bekämpfung

In Ostafrika gingen der Heroinhandel und die Demokratisierung in den letzten Jahrzehnten bezeichnenderweise Hand in Hand. Politiker und Parteien benötigen Geld zur Finanzierung des Wahlkampfs. Drogenhändler brauchen Schutz für ihre Geschäfte. Es ist ein simpler Deal, bei welchem die Politiker bloss sicherstellen müssen, dass für einige Lastwagen und Container die Kontrollen wegfallen. Das Problem dabei: Legal erwirtschaftetes Geld zieht im Wettbewerb gegen Drogengeld den Kürzeren. Wahlen in Ostafrika sind für die Kandidaten inzwischen so teuer, dass im Grunde nur noch Leute in die Politik einziehen, die sich schon irgendwie die Finger schmutzig gemacht haben.

Und auch der Wirtschaft schadet der Drogenhandel. So fänden sich in den Zentren des Handels in Mosambik viele halbfertige oder pompöse Hotels, die leerstünden, schreiben die Studienautoren zur «Heroinküste». Dasselbe Schauspiel findet an Kenyas Küste statt. Und das bedeutet auch, dass es für ehrliche Geschäftsleute schwierig wird, in diesem Umfeld zu bestehen.

Dies unterminiert die fragilen Demokratien Ostafrikas. Gerade in Kenia sieht es nicht danach aus, als ob sich an der besorgniserregenden Tendenz etwas ändern würde. Als Präsident Uhuru Kenyatta 2014 medienwirksam ein Schiff mit 370 Kilogramm Heroin in die Luft sprengen liess, kündigte er an: «Wir werden den Drogenbossen nicht erlauben, die Zukunft unserer Jugend zu zerstören. Wir werden sie finden und zur Verantwortung ziehen.» Gegen fünfzig Verdächtige werde ermittelt, hiess es damals. Verurteilt wurde bis heute niemand.

Dieser Artikel erschien am 3. August 2018 in der Neuen Zürcher Zeitung.

 

Tramadol: das Heroin Westafrikas

Das Schmerzmittel Tramadol erfreut sich in Westafrika wachsender Beliebtheit. In den vergangenen fünf Jahren wurden in der Region rund 3 Tonnen beschlagnahmt – der Löwenanteil der weltweit konfiszierten Menge. Die UNO-Drogenbehörde UNODC warnt in ihrem Jahresbericht vor dem zunehmenden Missbrauch des Opioids. Immer wieder kommt es zu Toten aufgrund von Überdosen. Die Pillen werden als Alltagsdroge missbraucht, Tramadol wirkt entspannend und lässt etwa den Hunger vergessen. Sie sind auch bei Söldnern oder Terroristen populär, die sich dank der Pillen mutig und stark fühlen. Terrororganisationen wie Boko Haram in Nigeria verdienen zudem am Tramadolhandel mit.

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