Eritreer verlassen ihr Land

Trotz politischem Tauwetter – in Eritrea hat sich kaum etwas geändert. Die Angst vor dem Regime ist noch immer gross. Hunderte Flüchtlinge kommen täglich in Äthiopien an.


Die 14jährige Eritreerin sitzt mit Freunden auf Steinblöcken entlang der staubigen Strasse. «Ich bin mit meiner Schwester gekommen, nun will ich mich registrieren lassen», erzählt sie. Ihr Ziel ist Kanada, wo sie Verwandte hat.
Nebenan stehen rund 50 Eritreer in einer Schlange, darunter viele Frauen und Kinder. Sie sind über die offene Grenze gekommen und lassen sich im äthiopischen Grenzort Zalambessa als Flüchtlinge registrieren. Seit die Grenze zwischen Eritrea und Äthiopien geöffnet wurde, haben sich 14’000 Eritreer als Flüchtlinge registrieren lassen, rund 250 pro Tag sind es derzeit.

Eritreer im Grenzort Zalambessa, die sich als Flüchtlinge registrieren lassen wollen.

Er wolle in die Schweiz weiterreisen, sagt ein 25jähriger Eritreer, zu seiner Schwester. Der junge Mann hat den berüchtigten eritreischen Nationaldienst verlassen. Darum könne er nun auch nicht mehr zurück. Zu Eritreas Politik äussert er sich nicht. Die Angst ist allgegenwärtig, fast niemand will reden, weil das eritreische Regime gegen Familienmitglieder in Eritrea vorgehen könnte. Eritrea ist eine Diktatur, es gibt weder Parlament, Verfassung noch unabhängige Justiz. Auch die wirtschaftliche Lage im Land ist prekär.

Immerhin herrscht seit Sommer Tauwetter am Horn von Afrika. Der neue äthiopische Premierminister Abiy Ahmed hat Eritrea angeboten, den jahrzehntelangen Grenzstreit beizulegen. Eritrea akzeptierte und schloss Frieden mit Äthiopien. Auch Konflikte mit Dschibuti und Somalia sollen beendet werden – der UNO-Sicherheitsrat hat deswegen im November die Sanktionen gegen Eritrea aufgehoben.

Minibusse verkehren zwischen der eritreischen Hauptstadt Asmara und dem äthiopischen Provinzort Mekele. Die Reise dauert fast einen Tag und kostet rund zehn Franken. In Mekele floriert die Wirtschaft, seit die Eritreer ankommen. Die Hotelzimmer sind gut gefüllt, das Benzin hingegen wird knapp, weil Lastwagen täglich hunderte Plastikcontainer mit Treibstoff nach Eritrea befördern. Vieles ist in Äthiopien günstiger und einfacher erhältlich, etwa Baumaterial. Eritreer suchen zudem Arbeit in Mekele. «Wenn ich in Asmara einen Job finde, gehe ich wieder zurück», erzählt ein eritreischer Geldwechsler. Doch vorerst will er am äthiopisch-eritreischen Handel mitverdienen.

Der offene Grenzposten. Wer nach Eritrea will, muss sich in Zelten rechts hinter der Steinmauer registrieren lassen. Richtung Äthiopien fährt man einfach durch. Vor allem Lastwagen und Minibusse überqueren die Grenze.

Täglich überqueren hunderte Eritreer die Grenze nach Äthiopien. Das Land beherbergt 175’000 eritreische Flüchtlinge. Viele arbeiten hier oder hoffen, dass Verwandte in Europa oder Nordamerika ihnen Geld für die Weiterreise schicken. Trotz politischem Tauwetter und Reisefreiheit scheint in Eritrea alles gleichzubleiben. Offen ist, ob die Aufhebung der UNO-Sanktionen dem Land einen dringend benötigten wirtschaftlichen Schub geben könnte. Doch, etwas habe sich geändert, sagt der junge Eritreer mit Ziel Schweiz: «Präsident Isaias Afewerki ist freundlicher geworden.» Auf Photos lächelt der eritreische Staatsführer nun manchmal. «Aber sonst ist im Land nichts passiert.»

Der Beitrag lief am 11. Dezember 2018 in der Sendung 10vor10 von Fernsehen SRF, der Text dazu erschien auf srf.ch. Das Originalvideo ist unterdessen offline, weil sich ein Protagonist nach der Verbreitung auf einem eritreischen Newsportal bedroht fühlte.

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