Der Terror ist zurück in Kenya, doch das Leben geht weiter

Beim Angriff auf einen Gebäudekomplex in Nairobi wurden 21 Personen getötet. Es ist der erste grössere Anschlag der islamistischen Miliz al-Shabab nach mehr als drei Jahren.

Einfahrt zum Gebäudekomplex 14 Riverside kurz nach Ende des Terrorangriffs.

Dass zwei seiner Kollegen tot sind, hat Mohamud Jama aus den sozialen Netzwerken erfahren. «Die beiden waren zu Mittag essen gegangen, als wir eine Explosion und Schüsse hörten», erzählt der Kenyaner somalischer Abstammung. «Der Sicherheitschef unserer Firma hiess uns, auf den Boden zu liegen.» Danach führte er die Belegschaft über einen kleinen Steg, weg vom Terrorangriff auf den Büro- und Hotelkomplex «14 Riverside» in der kenyanischen Hauptstadt Nairobi.

«Al-Shabab missbraucht die Religion»

Zwei Stunden später, am frühen Dienstagabend, entdeckte Jama im Netz das Foto der leblosen Körper seiner Arbeitskollegen Abdalla Dahir und Feisal Ahmed. Auf der Restaurantterrasse sitzend, wurden sie wohl durch ein Selbstmordattentat getötet. Der junge Mann schüttelt den Kopf: «Die vollen Teller standen vor ihnen, sie hatten noch nicht mal mit Essen begonnen.»

Um Mitternacht identifizierte Jama im Leichenhaus seine Kollegen. Dort wartet er am Mittwoch auf die Freigabe der Leichen durch die Sicherheitskräfte. Jama trägt einen weissen Kamis, ein traditionelles somalisches Gewand, kombiniert mit einer modernen schwarzen Brille. Äusserlich wirkt er sehr gefasst. Doch er ist aufgewühlt: «Als Muslim, als Somali macht es mich wütend, dass al-Shabab die Ideologie meiner Religion missbraucht.»

Bedrohung war aus den Köpfen verschwunden

Die somalische Terrormiliz al-Shabab hat sich zur Attacke in Nairobis Stadtteil Westlands bekannt. Fünf bewaffnete Attentäter verschafften sich am Dienstagnachmittag Zugang zu dem Büro- und Hotelkomplex. Am Mittwochvormittag um 10 Uhr erklärte Kenyas Präsident Uhuru Kenyatta, der Angriff sei vorbei, die Terroristen seien getötet. Nach offiziellen Angaben kamen 21 Menschen um, 700 konnten aus den Büros und Hotelzimmern evakuiert werden.

Der Terrorangriff kommt für Nairobi nicht unerwartet, wenn auch trotzdem überraschend. Nach dem al-Shabab-Angriff auf das Einkaufszentrum Westgate im Jahr 2013 mit 67 Todesopfern war die Angst vor weiterem Terror präsent. Doch in den vergangenen drei Jahren gab es kaum mehr Anschläge, Terrorwarnungen wurden zur Routine, die Bedrohung verschwand aus den Köpfen der Menschen. Eigentlich aber musste man damit rechnen, zumal Kenyas Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben in letzter Zeit diverse Anschlagspläne vereitelt hatten.

Sicherheitskräfte waren vorbereitet

Im Gegensatz zum Westgate-Anschlag wirkten die Sicherheitskräfte diesmal auf der Höhe ihrer Aufgabe und agierten koordiniert. Zwar durfte man offiziellen Informationen nicht immer vertrauen, etwa als der Innenminister neun Stunden zu früh das Ende des Terrorangriffs verkündete. Doch Polizei wie private Sicherheitskräfte wirkten vorbereitet.

Grossaufgebot an Sicherheitskräften und Medienschaffenden.

«Schon nach vierzig Minuten hörte ich unter meinem Pult, wie die Polizisten aufs Gelände kamen», sagt Hiram Macharia. «Ab dann hatte ich keine Angst mehr. Der Marketingfachmann lobt die Behörden: «Sie haben aus Westgate gelernt, es gab diesmal kein Chaos.» Macharia sah, wie die Attentäter durch das Treppenhaus hochkamen. Er verschanzte sich im Büro im vierten Stock und blieb verschont. Ein Kollege floh in den siebten Stock – und wurde am nächsten Morgen tot aufgefunden. «Mir hat Gott ein zweites Leben geschenkt», ist Macharia überzeugt. Der Kenyaner ist sichtlich mitgenommen, er zuckt bei Geräuschen zusammen und spricht leise: «Es ist schrecklich, ich glaube, ich brauche psychologische Hilfe.»

Streit innerhalb der Milizen möglicher Hintergrund

Darüber, wieso die Terroristen ausgerechnet am 15. Januar den Gebäudekomplex 14 Riverside angegriffen haben, kursieren verschiedene Versionen. Die Ansammlung westlicher Firmen könnte ein Grund für die Wahl des Anschlagsziels gewesen sein. Das Gelände verfügt zudem nur über einen grösseren Zugang, was die Fluchtmöglichkeiten einschränkte.

Der Zeitpunkt des Anschlags könnte mit einem laufenden Prozess gegen mutmassliche Terroristen in Nairobi im Zusammenhang stehen – oder aber mit dem Jahrestag eines früheren Terrorangriffs. Dass die islamistische Miliz al-Shabab erstmals nach mehr als drei Jahren in Kenya wieder einen grösseren Anschlag verübt, könnte laut Sicherheitsexperten auch mit internen Auseinandersetzungen in der Terrormiliz zu tun haben. Offenbar streiten sich in der Gruppierung zwei Fraktionen über die künftige Ausrichtung als nationale oder aber als internationale Organisation. Der Anschlag wäre also ein Zeichen gewesen, in welche Richtung sich die Terrormiliz bewegt.

Nairobi ist erschrocken, doch nicht paralysiert

Kenya unterstützt Somalia seit 2011 im Kampf gegen al-Shabab militärisch. Mit Terrorattacken wollen sich die Extremisten rächen. Doch sie werden ihr Ziel auf diesem Weg kaum erreichen, davon ist der Kenya-Somali Mohamud Jama überzeugt: «Wir können den Kampf gegen al-Shabab gewinnen. Aber wir müssen ihn vor allem in den Köpfen gewinnen.» Vor dem Leichenhaus in Nairobi weint die Mutter eines Getöteten.

Die Bevölkerung in der kenyanischen Hauptstadt ist aufgerüttelt und erschrocken. Die Riverside-Attacke hat den Terror wieder ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Doch der Schock sitzt weniger tief als nach früheren Attacken.

Dieser Artikel erschien am 17. Januar 2019 in der Neuen Zürcher Zeitung.

 

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