Al-Shabab: Afrikas tödlichste Terrorgruppierung

Somalias islamistische Terrormiliz al-Shabab wird trotz Friedensmission und Drohnenangriffen der USA nicht schwächer.

In den letzten Jahren war Al-Shabab die tödlichste Terrorgruppe Afrikas – vor Boko Haram (BH) und ISIS. (Quelle: africacenter.org)

Die Grenze zwischen Somalia und Kenya ist lang und löchrig. Der 25-jährige Mahir Riziki konnte sie problemlos überqueren. Vom Grenzort El Wak reiste er im Bus weiter in die kenyanische Hauptstadt Nairobi. Zwei Tage später, am 15. Januar, spazierte er aufs Gelände des Gebäudekomplexes «14 Riverside». Dort sprengte er sich in die Luft.

Der Ort des Anschlags, kurz nachdem die Terroristen besiegt waren.

Riziki war Kenyaner, er ist der erste einheimische Selbstmordattentäter in Kenya. «Das ist eine neue Bedrohung», sagt der Al-Shabab-Kenner und Journalist Harun Maruf. Die Mehrzahl der Attentäter der Riverside-Attacke stammte aus Kenya. Zwei von ihnen waren zuvor zum Islam konvertiert – zum blutigen Islam der somalischen Terrormiliz al-Shabab, bei der sie vor dem Anschlag in Somalia ein Training absolvierten.

«Konvertiten sind für die Ideologie von al-Shabab besonders empfänglich, weil sie kaum eine Ahnung vom Islam hatten», so Maruf, der unlängst das Buch «Inside Al-Shabaab» veröffentlicht hat. Lokale Kämpfer fallen weniger auf. Attentäter Riziki konnte die Grenzen zwischen Kenya, Tansania und Somalia mehrfach überqueren, obwohl er in Kenya polizeilich gesucht wurde. Dem Anschlag auf den Büro- und Hotelkomplex fielen 21 Personen zum Opfer, es war der blutigste Angriff seit jenem auf die Universität der Provinzstadt Garissa im Jahr 2015, als 148 Personen starben.

Scharia und Plastiksackverbot

Kenya ist 2011 ins Fadenkreuz der Shabab geraten, weil es Truppen im Kampf gegen die Terrormiliz nach Somalia geschickt hat. Nairobi ist mit einem Büro  der Vereinten Nationen, vielen Hilfsorganisationen und Botschaften ein Aussenposten des Westens in Afrika und darum ein ideales Ziel. Gleichwohl ist Kenya lediglich ein Nebenschauplatz im Feldzug der al-Shabab.

Nimmt man die Zahl der Anschlagsopfer als Referenz, ist die al-Shabab die gefährlichste Terrororganisation des gesamten Kontinents. Im vergangenen Jahr starben bei Shabab-Anschlägen laut dem Africa Center for Strategic Studies in Washington 3955 Personen. Die allermeisten, rund 97 Prozent, kamen in  Somalia ums Leben. Dort wuchs die Terrormiliz ab 2006 zum grössten Gegner der Regierung in Mogadiscio heran. Ihr Ziel ist die Errichtung eines islamischen Staats in Ostafrika.

Anschlagsziele in Ostafrika 2018. (Quelle: africacenter.org)

Der Journalist Maruf geht davon aus, dass al-Shabab derzeit rund 13000 aktive Mitglieder hat, unter ihnen 700 Nichtsomalier. Jährlich werden Hunderte von Mitgliedern rekrutiert, manche holt sich die Miliz direkt aus dem Klassenzimmer. Verluste erleidet al-Shabab praktisch nur durch amerikanische Drohnenangriffe. Über das Innenleben von al-Shabab ist wenig bekannt. Maruf glaubt, dass al-Shabab sehr hierarchisch organisiert ist. «Natürlich gibt es intern Fraktionen, die aus unterschiedlichen Gründen mitmachen, etwa wirtschaftlichen oder politischen.» Doch Terrorangriffe wie jener in Nairobi würden von zuoberst geplant und genehmigt.

Al-Shabab regiert über Teile von Somalias Zentrum und Süden und hat sein Gebiet oft besser unter Kontrolle als die somalische Zentralregierung das ihrige. Sie untersagt das Hören von Musik, das Rauchen und das Abschneiden von Bärten. Sie hat eine Scharia-Justiz errichtet, die Ehebrecherinnen öffentlich steinigen lässt. Auch der Gebrauch von Wegwerf-Plastiksäcken ist verboten. Die Terrormiliz finanziert sich über Steuern und mit dem Schmuggel von Holzkohle und Zucker. Darin ist ironischerweise auch Kenyas Armee involviert, welche die Islamisten eigentlich bekämpfen sollte. Militärs verdienen an der Kohle, die von Somalia zum Beispiel nach Iran verschifft wird. Jährlich landen zudem Tausende von Tonnen Zucker auf dem Seeweg in Somalia und werden von dort nach Kenya geschmuggelt.

Mit al-Kaida, gegen Trump

Al-Shabab ist Teil des internationalen Terrornetzwerks al-Kaida. Der letzte Hinweis darauf liefert das Bekennerschreiben zur Riverside-Attacke. Es wurde von al-Kaida veröffentlicht und zielt auf den amerikanischen Präsidenten. Der Anschlag sei eine Antwort auf Donald Trumps Erklärung, Jerusalem als Hauptstadt von Israel anzuerkennen.

Seit Trump ins Weisse Haus eingezogen ist, hat zudem die Zahl der amerikanischen Drohnenangriffe in Somalia stark zugenommen. Waren es 2017 noch 31 Angriffe auf die Shabab, gab es im vergangenen Jahr 45. Und 2019 führten die USA allein im Januar acht Luftangriffe durch. Unter Barack Obama hatte das Militär auf die Anführer der Miliz gezielt. Trump gibt seiner Armee mehr Freiheiten, nun werden auch normale Shabab-Angehörige angegriffen. Damit steigt unweigerlich die Zahl der zivilen Opfer. Bei einem Drohnenangriff in der Provinz Shabeellaha Hoose im vergangenen Oktober wurden laut der amerikanischen Armee rund 60 Shabab-Kämpfer getroffen. Jedoch starben dabei auch mindestens acht Zivilisten, wie der «Guardian» schreibt.

Amisom-Truppen sind müde geworden

Der grösste Gegenspieler al-Shababs in Somalia sind seit 2007 die Truppen der Friedensmission Amisom der Afrikanischen Union. Unterdessen sind über 22 000 afrikanische Soldaten in Somalia stationiert. Anfangs konnte Amisom Territorialgewinne verzeichnen, 2012 sprach man sogar davon, die Terrormiliz sei kurz vor dem Implodieren. Doch seither hat sich eine Pattsituation eingestellt. Al-Shabab zermürbt die ausländischen Soldaten mit Guerilla-Attacken.

Rashid Abdi leitet die Nichtregierungsorganisation International Crisis Group in Ostafrika. Er ist überzeugt: «Amisom hat anfangs viel erreicht, ist aber an ihre Grenzen gekommen.» Die Shabab sei stärker geworden, man könne die Miliz zwar zurückdrängen, doch das gewonnene Territorium zu halten, sei sehr schwierig geworden. Eigentlich sollte Amisom bis Ende 2020 aus Somalia abziehen und die somalische Armee übernehmen. Doch diese kontrolliert weiterhin praktisch nur die Hauptstadt Mogadiscio. Es existiere noch keine echte Exit-Strategie für Amisom, sagt Abdi. Besonders die Europäer fürchteten ein Vakuum in Somalia. Ein Abzug scheint derzeit nicht realistisch.

Arbeitslosigkeit als Nährboden

In Somalia hat sich die Shabab also längst etabliert. In anderen Ländern Ostafrikas bildet sie meist unbemerkt Netzwerke, bis sich plötzlich wieder irgendwo ein Anschlag ereignet. Das werde sich kaum ändern, glaubt Abdi: «Wahrscheinlich gibt es weitere Zellen in Nairobi und anderen Hauptstädten Ostafrikas, die Anschlage ausführen werden.» Die Region werde tendenziell gefährlicher.

Abdi und Maruf sind beide überzeugt, dass die Luftangriffe richtig sind. «Die Organisation hat dadurch rund 60 Prozent ihres harten Kerns verloren, sie wurde geschwächt», so Abdi. Doch seit August 2017 wurde kein wichtiger Shabab-Führer mehr mittels Drohnen eliminiert. Die Terrormiliz hat sich längst angepasst, wurde mobiler und versammelt sich nicht mehr in grösseren Gruppen.

Ein tiefergreifendes Problem ist die Arbeitslosigkeit in Somalia und Ostafrika. Viele Jugendliche haben keine beruflichen Perspektiven. Das führt zwar nicht direkt zu Extremismus, es ist aber ein idealer Nährboden für Geistliche, die den Jihad predigen. Buchautor Maruf ist überzeugt: «Es braucht mehr muslimische Geistliche, die deutlich machen, dass die Ideologie von al-Shabab falsch ist.» Nur mit Drohnen kann der Krieg gegen al-Shabab nicht gewonnen werden.

Dieser Beitrag erschien am 15. Februar 2019 in der Neuen Zürcher Zeitung

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