Weisses Geld für weisse Startups in Kenia

Das Risikokapital südlich der Sahara landet bei ausländischen Gründern. Doch lokale Startups holen auf.

Afrikanische Startup-Gründer zu Gast beim kenianischen Unternehmen Twiga Foods, das die Verteilung von Lebensmitteln zwischen Bauer und Verkäufer übernimmt.

Peris Bosire ist 27-jährig und eine Bank. Mit ihrer Firma Farm Drive gibt sie Kleinbauern Kredite – und das nur fünf Jahre nachdem sie selber beinahe pleitegegangen wäre. Die Kenianerin hatte Farm Drive nach dem Informatikstudium mit ihrer Freundin Rita Kimani gegründet. Die beiden Frauen kommen aus Bauernfamilien. Sie hatten erlebt, wie ihren Eltern oft Geld fehlte, wenn sie gerade Saatgut oder Dünger gebraucht hätten. Die Banken kümmerten sich nicht um die Kleinbauern. «Mit unserem Wissen aus Landwirtschaft und Technologie wollten wir dieses Problem angehen», sagt Bosire.

Heute kann ein Bauer via Handy einen Kredit beantragen. Farm Drive überprüft aufgrund der erhaltenen Daten seine Kreditwürdigkeit. Im Schnitt erhält der Bauer 70 Franken in Form eines digitalen Gutscheins von Farm Drive, den er dann bei Saatgut- und Düngerhändlern einlösen kann. Doch den beiden Universitätsabsolventinnen Bosire und Kimani ging es zunächst ähnlich wie den Kleinbauern – niemand wollte ihnen Geld geben. Farm Drive ist eines der wenigen Startups in Kenia, die von Einheimischen gegründet wurden. «Es war wirklich ein Nachteil, schwarz, weiblich und jung zu sein», erzählt Bosire. Und so investierten die beiden Partnerinnen selbst in ihr Unternehmen. Als ihnen noch 50 Rappen auf dem Konto blieben, tauchte im letzten Moment ein Investor mit 10 000 US-Dollar auf.

Die Gründerinnen von Farmdrive, Peris Bosire (links) und Rita Kimani. (Bild Farmdrive)

Weisse Gründerszene

Afrikanische Unternehmensgründer haben es schwer in Ostafrika. Die Risikokapitalfirma Village Capital zeigte vor zwei Jahren auf, dass 90% der Investments im digitalen Finanzsektor an Startups gehen, «die einen oder mehrere Gründer aus Europa oder Nordamerika haben». Eine Bildergalerie, die auf Twitter kursiert, zeigt eine von weissen Männern dominierte Szene. 

Für einen internationalen Investor ist es aufwendig, geeignete Startups auszuwählen. Darum folgt er oft einfachen Mustern: Kenne ich den Unternehmer? Ist er Absolvent einer bekannten Universität? Erhält die Firma schon von anderswo Geld? Diese Fragen entscheiden über Vertrauen sowie darüber, ob Kapital gegeben wird. Für Peris Bosire ist das schwer verständlich: «Es geht bloss um Vitamin B. Investoren und Unternehmer treffen sich an Partys, an welchen fast nur Weisse sind. Dort werden die Deals eingefädelt.»

Coworking in der Silicon Savannah

Die sogenannte «Silicon Savannah», Kenias Tech- und Startup-Szene, ist jedoch durchaus heterogen. Dies zeigt ein Besuch im Co-Working-Space iHub. An Pulten sitzen junge Kenianer in T-Shirts und Ausländerinnen in farbigen Kleidern vor ihren MacBooks. Zwischen Bambuspflanzen an der Kaffeebar trinkt man einen Latte, in farbigen Ohrensesseln wird telefoniert oder die neuste Episode von «Game of Thrones» geschaut.

Solche Gemeinschaftsbüros schiessen in Nairobi wie Pilze aus dem Boden. «Der iHub ist ein toller Ort, man trifft viele Leute», schwärmt Adedana Ashebir. Die US-Äthiopierin leitet von hier aus das Ostafrikaprogramm von Village Capitals. Ideen und Talente findet sie aber nicht an der Bar. Die Jungunternehmer müssen sich vielmehr bei ihr bewerben. Sie bekommen ein Training und werden von Kollegen Ashebirs überprüft. Einige von ihnen erhalten dann Geld vom Investmentfonds. Dank diesem Modell unterstützt Village Capital überdurchschnittlich viele Frauen und Kenianer.

Weniger Risikobereitschaft in Afrika

Westliche Investoren unterstützen westliche Startups. Das sei nur logisch, findet Michael Gera. «Man ist an europäische oder amerikanische Geschäftsmodelle gewöhnt.» Der Brite fokussiert mit seiner Investmentfirma EAV Africa auf den Energiesektor – und hat vor allem in Unternehmen mit weissen Gründern investiert. Gera jedoch sagt: «Der Trend in unserem Portfolio geht Richtung lokale Unternehmer.»

«Wir brauchen mehr kenianische Investoren», betont hingegen Stephen Gugu. Der Kenianer hat ein Netzwerk von sogenannten Business-Angels gegründet, die in Startups investieren. Mehr Erfahrung bringt mehr lokales Kapital. Denn das ist das Hauptproblem: In Afrika ist das Startup-Konzept noch nicht so verbreitet, die Risikobereitschaft potenzieller Geldgeber ist kleiner.

Als Gugu seinen sicheren Bank-Job verliess, konnte das seine Mutter überhaupt nicht verstehen. «In Afrika kommen viele Erwartungen auf einen zu. Man soll rasch Geld verdienen und die Familie unterstützen.» Diese Ansprüche machen es für Investoren und Gründer schwierig, den Schritt ins Ungewisse zu wagen. Zudem sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Kenia nicht einfach. Anders als in vielen westlichen Ländern gibt es keine staatliche Startup-Förderung. «Die Silicon Savannah floriert trotz unserer Regierung, nicht wegen ihr», sagt Gugu.

Fintech dominiert die Branche

Das Phänomen der ausländischen Startups ist in Kenia besonders akzentuiert. In Südafrika und Nigeria – den beiden anderen wichtigen Startup-Standorten Afrikas – gibt es mehr lokale Gründer. In Südafrika haben sich Startups bereits etabliert, Nigeria ist für Expats wegen der tieferen Lebensqualität weniger attraktiv.

Doch die Branche ist auf dem Kontinent noch immer relativ klein. Im vergangenen Jahr wurden laut der Organisation Disrupt Africa 335 Millionen Dollar in insgesamt 210 Startups investiert. Der Löwenanteil von 40 Prozent ging in Fintech. Gesundheit, Transport und Logistik sind ebenfalls attraktiv. Potenzial versprechen etwa Apps, welche ähnlich wie Uber Motorradtaxis oder Lastwagen vermitteln. Erfolgreiche Tech-Firmen sind in Afrika bereits in mehreren Ländern aktiv. Der Online-Händler Jumia ging Mitte April sogar an die Börse in New York. Doch viele Startup-Felder in Afrika liegen weiterhin brach. Platz für Ideen und Kapital gibt es genug.

Die Gründerin von Farm Drive, Peris Bosire, denkt noch nicht an eine Expansion ins Ausland. Ihr Geschäft kam 2018 in Schwung, dank einer Partnerschaft mit der Telekomfirma Safaricom. «In weniger als einem Jahr konnten wir 21 000 Bauern einen Kredit geben», erzählt Bosire stolz. Die Bauern können nun rechtzeitig aussäen oder düngen. «Wir konnten ihr Leben verbessern.»

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